weihnachten Lichternacht

Eine Weihnachtsgeschichte

Über den Abend des 24. Dezember 2002 habe ich mit den wenigen Gästen, die außer dem Brautpaar und mir damals dabei waren, nie mehr gesprochen. Keiner der Freunde hat ihn, so weit mir bekannt ist, je wieder erwähnt, geschweige denn an Joes Worte gerührt. Eigentlich war es, als hätte es ihn nie gegeben, den Abend. Das »Resultat«, sicher, daran erinnerte sich jeder. Unsere Freunde Joe Travers und Rose Reed waren an jenem Abend getraut worden. In ihrer Wohnung in der Zweiten Straße, unweit vom Santa-Monica-Strand. Die Sonne versank gerade im Meer, und das Wohnzimmer, in dem wir mit dem Bräutigam auf das Erscheinen der Braut warteten, färbte sich eine Zeit lang weinrot.

Eine halbe Stunde zuvor hatte uns Rose noch in T-Shirt und Jeans die Tür geöffnet, dann die Pastorin vorgestellt – eine beleibte Dame, die, flüsterte Rose uns zu, Joe in den Gelben Seiten gefunden und ihrer sympathischen Stimme wegen sofort angeheuert habe (Joe sprach gerade den Ablauf der Zeremonie mit ihr durch) –, hatte an vier von uns instamatic cameras verteilt, mit Larry und Trish ein Zeichen verabredet, auf dass Trishs Videokamera und Larrys Here Comes The Bride- CD gestartet würden, damit sie, Rose, am Treppenabsatz erscheinen könne, und eilte dann aufgeregt, sich aber plötzlich nochmals umwendend – nach wem? Nach Joe, sah ich, seltsam und schrecklich, denn mir schien, als nähme sie Abschied in dieser Sekunde –, die Stufen nach oben, um sich, wie Joe ihr mehrmals zugerufen hatte, endlich würdig in Schale zu werfen.

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Wie gesagt, eine halbe Stunde war vergangen, noch schien niemand besorgt. Einige hatten Joe gefragt, warum das Paar gerade diesen Tag als Hochzeitstermin gewählt habe. Der Bräutigam hatte die Frage umgangen, hatte fleißig Wein nachgeschenkt, nach dem Buffet gesehen, ein paar Tannenbaumnadeln aufgelesen und sich von Trish, die darauf bestand, die Krawatte neu binden lassen. Trish hielt es für irgendwie aufregend, dass Joe und Rose, wie sie eben gehört habe, sogar den Wortlaut des Eheversprechens geändert hätten.

»Das hätte mir vor zwei Jahren einfallen sollen«, rief Larry, und Trish fand das gar nicht lustig.

Joe wirkte beunruhigt. Mir war, als ginge – um uns her – etwas vor, von dem nur Joe wusste und wofür er verantwortlich war. Larry schien es auch zu spüren. Er meinte, Trish könne ja mal rauf, nach der Braut sehen.

»Nein, lass sie«, sagte Joe. »Wartet noch ein wenig mit mir. Mir fehlt etwas.«

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