Die Jahrhundertkatastrophe Wir haben versagt!Seite 2/2

Dennoch: Das Versagen ist auf unserer Seite. Angesichts der schrecklichen Bilder muss uns die Frage quälen, wann wir – die industrialisierten, wohlhabenden und politisch stabilen Nationen – endlich beginnen, Verantwortung zu übernehmen für die Welt »da unten« oder »dahinten«. Gut genug, um ihre Strände zu okkupieren, ist sie uns. Aber dann, bitte schön, sollte sie uns auch das Engagement wert sein, ihre Sicherheit zu fördern. Die Sicherheit der Einheimischen, wohlgemerkt, nicht nur die der Touristen! Zynisch wird es, wenn, wie jüngst gehört, offen über die Finanzierung eines Tsunami Warning System nachgedacht wird, um Besucher der Ferienparadiese künftig besser schützen zu können; wenn hervorgehoben wird, dass unter den zigtausend Toten auch Europäer, schlimmer noch, Deutsche sind. Bei aller Trauer um die Opfer: Wie viel unterschwelliger Rassismus ist im Spiel, wenn sich Betroffenheit so richtig erst einstellt in Anbetracht eigener Verluste? Wie viele tote Europäer sind vonnöten, um den verwüsteten Nationen endlich ihr Warnsystem zu stiften, und wie viele tote Asiaten tolerieren wir, ohne dass es geschieht?

Auf dem Gipfel des Zynismus begegnen wir dann einer größeren deutschen Boulevardzeitung, die sich gruselt, ob es die gute alte Erde demnächst gar zerreißen werde. Da prangt sie auf der Titelseite, überzogen von einem Craquelé tektonischer Grenzen, dass man sie beim nächsten seismischen Schluckauf förmlich auseinander fliegen sieht. Spätestens hier wird das Desaster zum profitablen Spiel mit der Angst, mutiert die Meldung zur Falschmeldung.

Nein, liebes Boulevardblatt, zerreißen würde nur eine Erde, die nicht bebt. Die Erdkruste muss in ständiger Bewegung sein. Seit Jahrmillionen formen und verändern die tektonischen Platten das Bild der Erde, da an den Spreizungsachsen der Mittelozeanischen Rücken ständig neuer Meeresboden entsteht und alter dafür eingeschmolzen wird. Er schiebt sich unter die kontinentale Platte, taucht ab in den heißen Erdmantel. Im Allgemeinen geht das reibungslos vonstatten, mitunter stockt das große Förderband jedoch, wenn sich unterseeische Berge im Plattenrand verhaken. Unter dem Druck der nachdrängenden Massen reißen sie sich schließlich los, und es kommt zu massiven Erschütterungen. Bei allem Grauen: Das Seebeben in Südasien war erdgeologischer Alltag.

Weit davon entfernt, schuld zu sein, folgt die Natur also ihren Gesetzen. Weltweit fordert sie Opfer. Weltweit könnten es weniger sein. Es wird Zeit, unser Entsetzen auf die richtigen Adressaten zu lenken. Auf die Untätigen.

Unser Autor, Jahrgang 1957, ist Verfasser des Bestsellers »Der Schwarm«. Der ökologische Science-Fiction-Roman war im Jahr 2004 eines der meistverkauften Bücher in Deutschland. Es beschreibt, wie das durch den Menschen misshandelte Meer zurückschlägt

 
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  • Quelle (c) DIE ZEIT 31.12.2004 Nr.1
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