Rechtschreibstreit Vorschlag zu einem deutschen Rechtschreibungs-VereineSeite 9/9
Schreibt man ferner einem solchen Pfahlbürger Rat für Rath, so ist es lustig, seine Maulgrimassen zu sehen, wenn er behauptet, daß man das Wort, ohne h, nicht anders, als Ratt aussprechen könne. Dennoch schreibt der Geck selber, er trat, er bat, ohne h, und spricht nicht, er tratt, er batt aus. Schreibe ich ihm wiederum für matt, mat, so grimassirt er von neuen, und spricht maat aus, wiewohl er hat, habet, ganz richtig auszusprechen weiß.
Liebe Brüder, wenn ihr eure Sprache lieb habt, so tretet dem Schlendrian auf den Kopf, und richtet euch nach den Regeln der Vernunft und einfachen Schönheit! Nach welcher sich schon größten Theils die Minnesinger richteten, ehe die nachfolgenden plumpern Jahrhunderte die Sprache mit so vielen unnöthigen Buchstaben überluden. Jene schrieben fast gar kein Dehnungs-h, und das gibt der Sprache ein noch ein Mahl so einfaches, reines und schönes Ansehen. […]
Klopstock schlägt […] ein allgemeines, die Augen am wenigsten beleidigendes Dehnungszeichen vor. […] Wozu ist ein solches Zeichen nötig? Es ist überflüssig. Wir entbehren es schon in vielen Wörtern, ohne den geringsten Nachtheil. […]
Hiermit hoffe ich mich einstweilen hinlänglich erklärt und dem Argwohn vorgebeugt zu haben, als ob ich bloß aus Eigensinn, Neuerungs- oder Geniesucht – daß ich mich dieses von Crethi und Plethi so sehr ausgemergelten Spottworts bediene – so, und nicht anders geschrieben hätte.
Ich bin sonst keinesweges ein Feind der Mode und des Schlendrians; habe nicht gern ein Abzeichen an mir; setze meinen Hut, trage meine Haare und Kleider, kurz, von Haupt bis zu Fuße trage und geberde ich mich immer gern, wie die meisten andern wackern Gesellen von meinem Schlage, und freue mich, wenn sie mich für ihrer Einen halten, so lange Mode und Schlendrian nur gut, oder wenigstens gleichgültig sind. Wo sie aber demjenigen, was mir besser scheint, das Widerspiel halten, da folge ich herzhaft meinem mir angebornen Freiheitssinne.
- Datum 31.12.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 31.12.2004 Nr.1
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