Wolfgang Clement gehört zu der Spezies von Politikern, die sich gerne reden hören und dabei manchmal Dinge schöner malen, als sie sind. Vorsicht war deshalb angebracht, als der Berliner Wirtschafts- und Arbeitsminister prophezeite, 2004 werde das beste Jahr, das wir seit vielen Jahren erlebt haben. Er meinte die Konjunktur - und hat in diesem Fall Recht behalten. Die deutsche Wirtschaft wuchs in den zurückliegenden zwölf Monaten um schätzungsweise 1,8 Prozent. Berauschend ist das nicht. Aber mehr gab's zuletzt 2000 mit einem Zuwachs der Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 2,9 Prozent.

Erstaunlich, wie gut die Prognostiker das Ergebnis voraussagten (siehe Tabelle: Realität und Erwartungen 2004). Das DIW Berlin, wie oft eher pessimistisch in seinen Voraussagen, verfehlte die Realität mit seiner Prognose am weitesten. Aber die Abweichung von 0,4 Prozentpunkten liegt fast noch im Bereich der statistischen Unsicherheit. Mehr als ein Plus von 1,8 Prozenten hatte niemand der deutschen Wirtschaft zugetraut. Auch das ist ein Beleg dafür, dass das Jahr so schlecht nicht gewesen sein kann.

Total unterschätzt haben die Prognostiker den Exportboom. Angesichts des teuren Euro hielten sie es nicht für möglich, dass der Zuwachs fast zweistellig ausfallen könnte. Andererseits wurde die Hoffnung enttäuscht, dass ein größerer Wachstumsimpuls vom privaten Konsum und von den Investitionen ausgehen würde. Doch der Schaden blieb in Grenzen, da der Export die Lücke in der Binnennachfrage kompensierte.

Die zweite klare Fehlprognose: Keiner der Konjunkturexperten ahnte, dass der Zuwachs der Unternehmens- und Vermögenseinkommen so spektakulär ausfallen könnte. Mitten in der Flaute und trotz massiver Arbeitslosigkeit machten die Unternehmen stolze Gewinne. Die 30 deutschen Dax-Unternehmen schwimmen in Geld. Erfolgsgewohnte Konzerne wie DaimlerChrysler und Siemens vervielfachten ihre Profite, Energiebranche und Stahlkocher hielten locker mit. Vor kurzem noch schwächelnde Unternehmen wie Deutsche Telekom und TUI füllten ihre Kassen. Letztmals war der Anteil der Gewinne von Unternehmern und Anlegern am gesamten BIP vor 30 Jahren so hoch wie heute.

Aber die konjunktuelle Entwicklung des Jahres 2004 glich einer Berg-und-Tal-Fahrt. Im ersten Halbjahr wuchs die Wirtschaft um 1,7 Prozent.

Gleichzeitig stiegen die Exporte über 15 Prozent - auch für deutsche Verhältnisse eine ungewöhnlich starke Auftriebskraft. Vor allem Maschinen und Fahrzeuge made in Germany gingen in alle Welt.

Im Sommer stockten die Auslandsbestellungen dann plötzlich, zwischen Juli und September sackten die Exporte ab. Das dritte Quartal brachte nur ein klägliches Wachstum von 0,1 Prozent. Im November sank der Konjunkturindex des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) auf den tiefsten Stand seit Anfang 2003, auf einen Einbruch der Konjunkturerwartungen schlossen die Mannheimer Forscher. Nacheinander nahmen die Konjunkturexperten der Forschungsinstitute und Banken ihre Prognosen für 2005 zurück.