sprache rinks lechts

Sie dachten, rechts ist da, wo der Daumen links ist? In Australien ist rechts im Osten. Oder im Westen, je nachdem, wohin Sie gerade schauen. Und in Belize ist links dort, wo Sie den Ring tragen – es sei denn, Sie sind gar nicht verheiratet

Im äußersten Norden Australiens unweit der Küste sitzen der Aborigine Tulo Gordon und der britische Linguist Stephen Levinson unter der tropischen Sonne. Plötzlich sagt Gordon: »Pass auf, da läuft eine Horde Ameisen über deinen südlichen Fuß.« Der Brite sieht seinen Gesprächspartner einen Moment lang ratlos an. Dann blickt er zu Boden. Kleine schwarze Ameisen, wie es sie zuhauf auf dem Fünften Kontinent gibt, krabbeln über seinen rechten Schuh. Dort muss also Süden sein, folgert er, während er die Tierchen in den roten Sand schüttelt. Gordons Muttersprache, Guugu Yimithirr, kennt keine Wörter für rechts und links. Die klangvolle Sprache, der wir das Wort »Känguru« verdanken, stützt sich allein auf die Himmelsrichtungen. Wer die nicht gut kennt, verzweifelt im nordaustralischen Hopevale an Sätzen wie: »Ich habe meine Mütze auf der südlichen Kante des westlichen Tisches in deinem Haus vergessen«, oder: »Rück mal ein bisschen nach Osten.«

Sprachen wie Guugu Yimithirr sind für Levinson ein Glücksfall. Denn: Der Linguist und Anthropologe vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik im niederländischen Nijmegen erkundet das räumliche Vokabular verschiedener Sprachgemeinschaften. 50 Wissenschaftler haben in den vergangenen 10 Jahren unter seiner Leitung 20 Sprachen in 15 Ländern auf den Zusammenhang zwischen räumlichem Vokabular und Raumorientierung untersucht. Aufwändigere Forschungen zur Beziehung von Sprache und Bewusstsein hat es bisher noch nicht gegeben.

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Die Forschungsgruppe unterscheidet auf unserem Globus drei sprachliche Bezugssysteme der Raumorientierung. Erstens: unsere subjektive, am eigenen Körper orientierte Rechts-links-Unterscheidung. Sie benutzen die meisten Menschen. Zweitens: ein räumliches Vokabular, das sich, wie bei den Guugu Yimithirr, an den Himmelsrichtungen orientiert. Rund 30 Prozent aller Sprachen funktionieren so, häufig von kleineren Gemeinschaften in Äquatornähe gebraucht. Drittens: eine objektzentrierte Art, über räumliche Verhältnisse zu reden. »Die Gabel liegt neben der Schneide des Messers«, sagen die Mopan, ein Maya-Volk im mittelamerikanischen Belize. Für sie zählt allein die Stellung einzelner Objekte zueinander. Dieses System scheint elementar zu sein. Fast alle Sprachen benutzen es, auch das Deutsche zumindest aushilfsweise. Die Mopan aber haben gar keine Bezeichnungen für rechts und links und stützen sich auch nicht auf die Himmelsrichtungen. »Dabei kommen manchmal sehr lange, komplizierte Schilderungen heraus«, berichtet Levinson.

Während uns eine objektzentrierte Sprache wie Mopan vielleicht vor allem umständlich erscheint, verblüffen uns Zungen wie Guugu Yimithirr: Wodurch schaffen es diese Menschen, alltäglich die Himmelsrichtungen auseinander zu halten? »Sie haben einen inneren Kompass, eine Art Landkarte im Gehirn«, sagt Levinson. Wie gut dieser innere Kompass funktioniert, merkte Levinson bei seinen Feldforschungen mit den Tzeltal, einem Maya-Volk im mexikanischen Hochland. Diese Indios benennen im Alltag ebenfalls die Himmelsrichtungen. Der Forscher fuhr mit zwei Tzeltal-Sprechern aus den Bergen in eine Stadt im Flachland. Das Ehepaar hatte seine Heimat noch nie verlassen und noch nie eine Stadt oder ein modernes Hotel gesehen. Nach kurvenreicher Fahrt trafen Linguist und Ehepaar bei stockfinsterer Nacht und bedecktem Himmel im Hotel ein. Im Apartment inspizierte die Frau das Badezimmer. Als sie herauskam, sagte sie zu ihrem Mann: »Das warme Wasser kommt aus dem westlichen Wasserhahn.«

Im westlichen Kulturkreis nehmen wir uns als Maß aller Dinge

Die Untersuchung von Sprachen, die ein ganz anderes räumliches Vokabular verwenden als wir, birgt mehr Sprengstoff, als man meinen könnte. Denn: Die meisten Psychologen, Kognitionswissenschaftler und Linguisten halten die Rechts-links-Unterscheidung für universal und natürlich. Der Mensch kann ihrer Ansicht nach gar nicht anders, als sich ausgehend von seinem eigenen Körper zu orientieren. So dachte schon Immanuel Kant. Und bereits im 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung sagte Protagoras: »Der Mensch ist das Maß aller Dinge.« Tatsächlich bedeutet die Rechts-links-Unterscheidung, dass wir uns im Zentrum einer Welt erleben, die sich um uns selbst dreht. Wenn wir sagen: »Der Tisch steht rechts«, stimmt das nur so lange, bis wir uns um 180 Grad drehen. Dann steht er links.

Nachdem die Forschungsgruppe viele Sprachen aufgetan hatte, deren Raumvokabular sich nicht am menschlichen Körper orientiert, stand sie im Zugzwang. Sie musste beweisen, dass diese Menschen nicht insgeheim doch subjektzentriert denken. Immerhin könnte es ja sein, dass die betreffenden Sprachgemeinschaften die Himmelsrichtungen nur als verbale Etiketten benutzen, sich aber trotzdem auf ein subjektives Raumverständnis stützen. Die Forschungsgruppe machte ein Vergleichsexperiment mit Holländisch- und Tzeltal-Sprechern. Den Probanden wurde eine Karte vorgelegt, auf der ein Punkt vor einem Kreis abgebildet war. Nun wurden die Kandidaten um 180 Grad gedreht. Aus mehreren Karten sollten sie die auswählen, die der vorher gesehenen entsprach. Fast alle Holländer griffen zur Karte mit dem Punkt vor dem Kreis. Nahezu alle Tzeltal-Sprecher dagegen wählten die mit dem Punkt hinter dem Kreis. Für sie zählte nicht, dass sie sich gedreht hatten: nur, dass der Punkt weiterhin, sagen wir, im Westen liegt und der Kreis weiterhin im Osten. »Dieses Ergebnis zeigt«, so Levinson, »dass die Probanden tatsächlich ein unterschiedliches Raumverständnis haben, das im Einklang mit ihrer Sprache steht.«

Sage mir, wie du sprichst, und ich sage dir, wie du denkst

Nun wollten die Wissenschaftler herausfinden, ob sich auch ein Zusammenhang zwischen Sprache und Orientierungssinn ergibt. Sind Benutzer von Sprachen, in denen Himmelsrichtungen benannt werden, auch die besseren Pfadfinder? Auf einer Wanderung zu Höhlenmalereien tief im australischen Busch fragte Levinson mehrere Guugu Yimithirr: »Wo ist Hopevale?«, »Wo ist unser Auto?« Ohne zu zögern, zeigten sie die Richtung an. Der Forscher prüfte ihre Angaben mit einem Kompass: »Genauer ging’s nicht.« Bei einem Waldspaziergang mit Holländern in der Nähe von Nijmegen fragte der Linguist: »Wo ist Ihr Haus?«, »Wo ist Amsterdam?« Die Probanden lagen mindestens um 25 Grad falsch, oft um mehr.

Der Schluss, dass die Sprache das Bewusstsein prägt, liegt nah. Doch diese These ist seit Jahrzehnten umstritten. Insbesondere die Psychologie will der Sprache keine Macht über das Bewusstsein zugestehen. Hitzige Duelle in Fachzeitschriften lieferte sich Levinsons Forschungsgruppe vor allem mit Lila Gleitman von der Universität Pennsylvania. Die Amerikanerin meint: Die Umwelt könnte das Raumverständnis beeinflussen. Leuchte nicht ein, dass sich Landbewohner nach Himmelsrichtungen orientieren und Städter über rechts und links? Levinsons deutscher Mitarbeiter Daniel Haun kontert: »Sprachsysteme können sich trotz gleichen Lebensraums stark unterscheiden.

Wenn unsere Umgebung unser Raumverständnis definieren würde, müssten alle Menschen sich innerhalb des gleichen Lebensraums an den gleichen Dingen orientieren. Das ist aber nicht der Fall.« Drastisches Beispiel: Die Mopan, die Tzeltal und die Yukatek sind alle drei mittelamerikanische Maya-Völker mit ländlicher Lebensweise. Aber: Die Mopan benutzen ein objektzentriertes Raumvokabular, die Tzeltal stützen sich auf Himmelsrichtungen, und die Yukatek gebrauchen wie wir rechts und links. In Versuchen wie dem Punkt-Kreis-Experiment verhielten die drei Gruppen sich entsprechend dem Vokabular ihrer Sprache. Die Yukatek reagierten nicht etwa wie die Tzeltal, sondern wie die Holländer – ein weiteres Indiz, dass Sprache das Raumbewusstsein stärker prägen könnte als bislang angenommen.

Für diese These spricht noch etwas: Benutzer von Sprachen, die sich auf die Himmelsrichtungen stützen, gestikulieren anders als wir. Levinson filmte den Guugu-Yimithirr-Sprecher Jack Bambi bei einer Erzählung. Mit großen Gesten berichtete der Aborigine, wie er mit seinem Boot kenterte und zwischen Haien an die Küste schwimmen musste. Zwei Jahre zuvor hatte Levinsons amerikanischer Kollege John Haviland den Mann beim Erzählen desselben Erlebnisses aufgenommen. In einem Film schaut der Fischer nach Westen, im anderen nach Norden. Doch in beiden gestikuliert er an denselben Stellen in dieselben Himmelsrichtungen. Levinson: »Seine Erzählgesten passen also zu seiner Sprache, die auf Himmelsrichtungen fußt.«

Guugu Yimithirr und Tzeltal gebrauchen oft Gesten, die wir mit unserem Raumverständnis nicht deuten können. So sagte Bambi zu Levinson: »Mein Freund wohnt ganz hier in der Nähe« – und zeigte dabei direkt auf sich selbst. Der Linguist stutzte. Warum zeigt der Mann auf sich selbst, wenn er von einem Freund redet? Dann wurde klar: Der Aborigine weist in die Richtung, wo sein Freund lebt. »Diese Geste tut so, als wäre der eigene Körper unsichtbar«, erläutert Levinson, »und macht Sinn in Sprachgemeinschaften, deren Raumvokabular sich nicht auf den menschlichen Körper bezieht.«

So wundersam uns das Raumverständnis von Völkern wie den Guugu Yimithirr erscheinen mag: Kinder erlernen den inneren Kompass schneller als die Unterscheidung zwischen rechts und links. Tzeltal-Sprösslinge kommen schon als Vier- bis Achtjährige mit den Himmelsrichtungen im Alltagsgespräch zurecht. Unsere Kinder tun sich schwerer. Mit fünf, sechs Jahren unterscheiden sie erstmals rechts und links – und zwar nur am eigenen Körper. Mit acht Jahren wenden sie die beiden Begriffe auf die Körper anderer an. Und sie müssen meist elf Jahre alt werden, bevor sie Aussagen wie »Das Messer liegt rechts vom Teller« zuverlässig verwenden.

Dieser Befund verträgt sich nicht mit der herkömmlichen Idee von der natürlichen universalen Rechts-links-Unterscheidung. Sogar Erwachsene haben manchmal Probleme mit rechts und links. So drehten sich die Soldaten der Armee Peters des Großen bei Befehlen wie »Rechts um!« in alle Richtungen. Die entnervten Unteroffiziere forderten ihre desorientierten Mannen auf, sich ein Bündel Stroh um den rechten Stiefel zu binden und Heu um den linken. Nun mussten die Korporale nur noch »Zum Heu!« oder »Zum Stroh!« rufen, und das Durcheinander war behoben.

Der interkulturelle Ansatz der Forschungsgruppe rüttelt noch an einer weiteren auch hierzulande gern gepflegten Vorstellung. Bei ihren Feldforschungen in Sprachgemeinschaften wie den Guugu Yimithirr stellten die Wissenschaftler keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen fest. »Der innere Kompass funktioniert bei Frauen so gut wie bei Männern«, vermeldet Levinson. Bisherige Studien dagegen attestieren den Männern eine Überlegenheit im räumlichen Verständnis. »Oft werden solche Forschungen in westlichen Industrienationen gemacht und dann als stellvertretend für die ganze Menschheit angesehen«, kritisiert Levinson. Orientierungssinn könnte, so der Forscher, mehr mit der Erziehung als mit dem Geschlecht zu tun zu haben.

Der von der Forschungsgruppe riskierte Blick über den Tellerrand wirbelt viele westliche Ideen über die Raumorientierung durcheinander. Bleibt die Frage, wie es um unseren Anthropozentrismus bestellt wäre, wenn schon Protagoras jemanden getroffen hätte, der auf sich selbst zu zeigen scheint, aber eine Himmelsrichtung meint.

 
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  • Quelle (c) DIE ZEIT 31.12.2004 Nr.1
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