Die Zukunft der Neuen Musik liegt unter Wasser, mitten in Paris, Nummer 1, Place Igor Stravinsky. Knietief schwappt auf dem großen Platz algengrüne Brühe in einem Bassin, darin kreisen Jean Tinguelys Schrottmaschinchen und Niki de Saint Phalles bunte Herzen, Schlangen, Totenschädel fröhlich um sich selbst. Nebenan tut das Centre Pompidou immer noch mächtig modern, doch wirklich voran geht es unter dem Brunnen, im kühlen Takt der Algorithmen. Hier hat sich das Ircam eingegraben, das Institut de Recherche et Coordination Acoustique/Musique, die wichtigste Experimentierstätte für elektronische Musik in Europa. Seine Aufgabe: die Musik von morgen zu ermöglichen.

Sechs Meter unter der Erde verläuft der Gebäuderiegel. An einem langen Gang reihen sich die Tonstudios aneinander, dazu die Chambre Anéchoïque, der schalltote Raum, in den von allen Seiten gelbe und weiße Schaumstoffkeile hineinwuchern. Eine Treppe führt weitere sechs Meter hinab in die Urzelle des Instituts, den Espace de Projection, einen zwölf Meter hohen Konzertsaal, eine akustische Wunderkammer. Die Wände, aus grauen Stahlblechen in Dreiergruppen montiert, sind komplett verstellbar, die Decke ist stufenlos absenkbar. Dadurch lässt sich ein Nachhall zwischen trockenen 0,4 und kirchenschiffartigen 8 Sekunden beliebig herstellen.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Ganges: zwei Etagen mit fensterlosen Büros – es gehört nicht viel Fantasie dazu, an den Zellentrakt aus dem amerikanischen Gefängnisfilm zu denken. Doch die Türen sind aus Glas. An ihnen kleben kleine Schilder und verraten, woran in den einzelnen Denkzellen geforscht wird: Analyses/Synthése, Acoustique de Salles, Application Temps Réel – Untersuchung und Herstellung künstlicher Töne, Akustik von Konzertsälen, Verarbeitung von Tönen in Echtzeit. Herkömmliche Musikinstrumente gibt es hier nicht mehr, abgesehen von einem Posaunenzug, auf dem gerade ein lasergesteuertes Messgerät befestigt wurde, um exakte Daten über den Zusammenhang von Zuglänge und Tonhöhe zu gewinnen. Das Instrument der Ircam-Bewohner ist der Computer. In ihren Regalen stehen keine Noten, sondern Bücher über Die Simulation neuronaler Netze oder Ähnliches, ihr Proberaum ist der Kopfhörer. Zu dritt quetschen sie sich in eine Zelle, vieles am Ircam ist zu klein geworden, "wie alles in Paris", sagt einer der Insassen.

Nur einer hat eine Einzelzelle. "Direction Honoraire" steht an der Tür, der letzten am Ende des Tunnels, durch dessen Decke aus geschwärzten Glasziegeln ein spärliches Pariser Winterlicht fällt. Hier ist das Ambiente vertrauter, traditioneller, altertümlicher. In der Ecke ein Notenpult, auf dem Stuhl neben der Hydrokultur stapeln sich unverlangt eingesandte Partituren, in den Regalen stehen kleine Grammofone aus Gold – ein paar der vielen Grammys, die der Bewohner dieser Zelle im Laufe seines Lebens schon gewonnen hat. Ein Video vom legendären Chéreau -Ring in Bayreuth 1976 liegt auch herum, der Insasse hat ihn dirigiert – Pierre Boulez. Er ist der Erfinder des Ircam. 1970 gab ihm der französische Staatspräsident Georges Pompidou den Auftrag, ein Forschungsinstitut für die zeitgenössische Musik zu gründen. Er ist der Erfinder des Ircam, nach seinen Ideen hat es ein Assistent des Architekten Renzo Piano (der zur gleichen Zeit das Centre Pompidou baute) realisiert; sogar den bunten Brunnen oben hat der Dirigent und Komponist initiiert. Nichts ging hier ohne ihn, und vieles geht noch immer nur mit ihm, dem Ehrendirektor. Im kommenden März wird er 80, aber wenn er in seine Zelle stürmt wie ein Angreifer in den Strafraum, glaubt man sofort, dass er weiterhin die Forscher, die seine Enkel sein könnten, in das weite Feld des Unerhörten treibt.

DIE ZEIT: Herr Boulez, welchen Einfluss hat der technologische Fortschritt auf die Musik der Gegenwart?

Pierre Boulez: Der Einfluss beschränkt sich nur auf einen ganz bestimmten Bereich der Neuen Musik. Die Musiker sind nicht so wagemutig. Viele sind froh, weiterhin mit herkömmlichen Mitteln komponieren zu können. In anderen Kunstsparten, der Architektur zum Beispiel, geht ohne Computertechnik heutzutage gar nichts mehr. In der Musik stellt sie nur eine Erweiterung des angestammten Terrains dar. Es wird ja nach wie vor viel für normale Instrumente komponiert.