Es war in diesem Sommer, als Muhammad Sven Kalisch das Gefühl beschlich, plötzlich zu einer Art Großmufti geworden zu sein. Seit die Universität Münster die Pressemitteilung herausgegeben hatte, dass sie mit ihm den ersten Lehrstuhl für die "Religion des Islam" und Islamlehrerausbildung in Deutschland besetze, habe er kein "ruhiges Leben mehr", sagt Kalisch, 38 Jahre alt und Hamburger. Zeitungen, Radio, Fernsehen, alle wollten wissen, wie er es mit dem Islam hält. Den Wirbel um seinen Posten und seine Person sieht er mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Das weinende Auge: Er hat zu wenig Zeit für seine Studenten und seine Bücher. Das lachende Auge: "Ich bin froh, dass ich als Muslim überhaupt gefragt werde zu bestimmten Themen. Meistens wird ja eher über uns geredet als mit uns." Aber als die Stimme des Islams in Deutschland möchte er keinesfalls gelten, denn der Islam habe viele Stimmen.

Muhammad Sven Kalisch sitzt in seinem Büro in der Aegidiistraße in Münster. Draußen riecht es nach Weihnachtsmarkt, drinnen nach Neuanfang. Auf dem grünen Linoleum stehen erst wenige Möbel, die Stimmen hallen in den leeren Zimmern nach. Kalisch wirkt, als sei er selbst noch ein Gast. An der Eingangstür hängt ein Blatt Papier, angeklebt mit Tesafilm: "Centrum für Religiöse Studien".

Das Provisorische passt zum Stand der Dinge: Das Centrum für Religiöse Studien der Universität Münster soll Lehrer ausbilden für einen Unterricht, den es noch gar nicht gibt. Eine drei viertel Million muslimischer Schüler gibt es in Deutschland. Aber einen regulären islamischen Religionsunterricht in deutscher Sprache und unter staatlicher Aufsicht können sie in keinem Bundesland besuchen. Bislang gibt es nur wenige Modellversuche (siehe Kasten).

Zu seinem 13. Geburtstag wünschte er sich ein Türkisch-Lehrbuch

Es fehle am politischen Willen, sagen die muslimischen Verbände. Es liege an der Uneinigkeit der Muslime untereinander, sagen die Behörden und fordern einen einheitlichen Ansprechpartner. Den gibt es aber nicht. Laut Grundgesetz hat jede Glaubensrichtung das Recht auf staatlichen Religionsunterricht. Voraussetzung ist allerdings, dass es sich um eine anerkannte Religionsgemeinschaft handelt. Die sollte organisiert sein wie christliche Kirchen. Das Problem dabei laut Kalisch:"Der Islam hat gar keine zentrale Organisation". Er kenne keine kirchenähnlichen Strukturen. "Das Gros der Muslime steckt nicht in irgendwelchen Verbänden, die sind einfach nur Muslime – für sich." Es gibt zahlreiche Vereine und Dachverbände in Deutschland, aber keiner spricht für die Mehrheit. Auch der Zentralrat der Muslime vertritt – anders als der Name vermuten lässt – nur eine kleine Minderheit der über drei Millionen Muslime in Deutschland.

Die religiöse Unterweisung blieb so den Moscheevereinen überlassen, von denen manche alles andere als Integration förderten und stattdessen erzkonservative, teilweise radikale Ideen verbreiteten. Ein staatlicher Religionsunterricht sei kein Allheilmittel, könne aber doch den "fundamentalistischen Fehlauffassungen", die einige Jugendliche hier hätten, etwas entgegensetzen, sagt Kalisch. Und der Unterricht in deutscher Sprache versetze die Muslime in die Lage, den Deutschen ihre Religion so zu erklären, dass sie auch verstanden werde. "Das ist wichtig, gerade in Zeiten, in denen es einen gewissen Generalverdacht gegenüber dem Islam gibt."

Kalisch war nicht immer Muslim. Seine Eltern sind Protestanten, wenn auch nur dem Namen nach. Die Vorfahren seiner Mutter sind Kalmücken. Kalmücken kommen aus der Westmongolei, man mag es Kalisch noch ein bisschen ansehen, "China-Face" nannten sie ihn in der Schule. Den Teenager haben Mongolen und Turkvölker so fasziniert, dass er beschloss, ihre Sprache zu lernen. Zu seinem 13. Geburtstag wünschte er sich ein Türkisch-Lehrbuch. Jeden Tag hat er sich selbst eine Stunde Türkisch gegeben. Er traf sich regelmäßig mit Türken, kam so mit dem Islam in Kontakt und stellte fest, dass der ihm mehr sagt als das Christentum. Mit 15 trat er über und packte Muhammad vor Sven.

Seine Mutter reagierte gelassen: Wenn’s den Jungen glücklich macht… Der Vater hatte daran zu knabbern, nicht aus religiösen Gründen, sondern weil er dachte, Sven verderbe sich die Karriere. Der Islam habe damals schon nicht den besten Ruf in Deutschland gehabt, sagt Kalisch. Mit der Karriere ist es dann doch was geworden. Er studierte Jura in Hamburg und promovierte: Vernunft und Flexibilität in der islamischen Rechtsmethodik lautete der Titel seiner Doktorarbeit.