Peter Welter hat schon viele Arbeitsmarktreformer erlebt – Drängler wie Wirtschaftsminister Wolfgang Clement, Grübler wie dessen Vorgänger Walter Riester und joviale Macher wie den Volkswagen-Vorstand Peter Hartz. Alle sind sie irgendwann beim Chef der Kölner Agentur für Arbeit gewesen. Meistens, um zu lernen.

In Köln betreuen Arbeits- und Sozialamt die Langzeitarbeitslosen schon seit Jahren gemeinsam. Die Vermittler vom Arbeitsamt suchen Stellen; für Schuldnerberatung oder Wohnungsprobleme ist die Kommune zuständig. Beide Ämter fördern nicht nur, sie fordern auch: Wenn Jugendliche Angebote ablehnen, wird die Unterstützung gekürzt. Ein mühsames Geschäft ist das, zu dem manchmal auch gehört, dass Betreuer einen Problemfall an jedem Morgen abholen und zur Arbeit fahren. Doch gemeinsam haben beide Behörden seit Jahren Erfolg: Die Vermittlungschancen eines Langzeitarbeitslosen, der vom Kölner Job-Center betreut wird, sind doppelt so hoch wie im Bundesschnitt.

Also könnte Peter Welter eigentlich entspannt auf den ersten Januar schauen, an dem der vierte Teil der Hartz-Reform in Kraft tritt. Arbeits- und Sozialhilfe werden zusammengelegt, das neue Arbeitslosengeld II (ALG II) kommt – und die zuständigen Behörden sollen eng kooperieren. Nichts Neues für den Agenturchef, sein Kölner Modell diente als Vorbild für die Hartz-Kommission.

Gleiches Geld für gleiche Arbeit? Nicht in den neuen Behörden

Und doch: Welter leitet momentan eine Behörde im Ausnahmezustand, wie alle Chefs der 180 deutschen Arbeitsagenturen. Mit dem Start von Hartz IV kommen sie mitsamt den Sozialämtern in eine heikle Situation: Einerseits werden die Arbeitslosen, die harte Einschnitte hinnehmen müssen, zu Recht auf bessere Betreuung und Vermittlung drängen. "Die Akzeptanz der Reform hängt an der schnellstmöglichen Wirkung auf den Arbeitsmarkt", sagt Hans Werner Walzel, Chef der Münchner Agentur. Und die entscheidet wiederum über das Ansehen der Regierung Schröder, womöglich auch über den Ausgang der bevorstehenden Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen.

Andererseits sind die Voraussetzungen für Vermittlung und Betreuung in den kommenden Wochen denkbar schlecht. Die Apparate haben zu kämpfen – mit neuen Vorschriften, neuen Räumen, neuen Chefs. So sind ihre Mitarbeiter vor allem mit sich selbst beschäftigt. Und unnötig komplizierte gesetzliche Vorgaben sorgen dafür, dass das vorerst auch so bleibt.

Die härteste Sozialreform der Nachkriegsgeschichte beginnt deshalb so ungeplant und erratisch wie zuvor schon die anderen Teile der Hartz-Reform. Schon am Anfang stand kein politisches Konzept, kein Parteitagsbeschluss und auch kein Wahlprogramm, sondern ein Skandal: Mitarbeiter der Arbeitsverwaltung hatten jahrelang Vermittlungsstatistiken gefälscht. Als der Volkswagenvorstand Peter Hartz dann samt seiner Expertenkommission 2002 Reformvorschläge präsentierte, war wieder nicht der richtige Zeitpunkt für Diskussionen, jedenfalls nicht in der SPD. Die Regierung war im Wahlkampf, das Konzept wurde zähneknirschend durchgewinkt – und nach der Wahl mit neuen Härten durchgesetzt.

Vom öffentlichen Aufruhr gegen die geplanten Kürzungen im vergangenen Sommer wurden Vertreter aller Parteien überrascht. Daraufhin hat die Regierung erschrocken umgeschwenkt. Fortan versuchte sie mit aller Kraft die Fusion von Arbeitslosen- und Sozialhilfe zu bewältigen, Wirtschaftsminister Wolfgang Clement verband gar seine politische Zukunft mit dem Gelingen von Hartz IV. Unter diesem Druck veränderte sich allerdings, in der Öffentlichkeit wenig registriert, einmal mehr der Schwerpunkt der Reform. Zuvor war der Nürnberger Agentur vorgeworfen worden, sie bemühe sich zu wenig um Härtefälle. Nun droht genau das andere Extrem: Schon jetzt scheint die Betreuung derjenigen zu leiden, die erst seit kurzem arbeitslos sind. Etwa ein Drittel der Agenturmitarbeiter wurde im Zuge der Hartz-IV-Reform in die neuen Arbeitsgemeinschaften umgesetzt, die sich um Langzeitarbeitslose kümmern sollen. In dünn besiedelten Regionen beschränken die Arbeitsagenturen bereits ihre Dienstleistungen für Empfänger des ArbeitslosengeldesI. Ausgerechnet für diejenigen, die noch am leichtesten wieder in den Arbeitsmarkt integriert werden könnten, bringt HartzIV also schlechtere statt bessere Vermittlungschancen.