Unglaublich: Da wird mit Beginn des neuen Jahres die größte Steuerreform in der Geschichte der Bundesrepublik - so das Standard-Eigenlob der Bundesregierung - vollendet, und kaum ein Bürger bemerkt es. Keine Spur von Jubel, trotz einer Gesamtentlastung von 50 Milliarden Euro jährlich. Im Gegenteil: Längst ist klar, dass in der nächsten Legislaturperiode eine weitere Reform folgen muss.

Wichtige Eckpunkte des rot-grünen Reformwerks können sich durchaus sehen lassen: Eingangs- und Spitzensteuersatz sind mit 15 und 42 Prozent so niedrig wie noch nie. Auch die Besteuerung der Kapitalgesellschaften - dazu zählen die großen Konzerne ebenso wie zigtausend kleine GmbHs - wurde gemindert.

Erfolg: Die Steuerquote, das Aufkommen gemessen am Bruttoinlandsprodukt, hat historisch wie auch im internationalen Vergleich einen Tiefstand erreicht.

Doch Grundprobleme des deutschen Steuerwesens blieben ungelöst. Der Vorschriftendschungel ist dicht wie zuvor, und die meisten Schlupflöcher wurden nicht geschlossen. Kapitalerträge werden nur lückenhaft erfasst, vermietete Immobilien bleiben für Vermögende ein beliebtes Steuersparmodell.

Kein Wunder, dass das deutsche System ineffizient ist. Andere Länder nehmen bei gleichen oder gar niedrigeren Tarifen wesentlich mehr Steuern ein.

Damit steht fest, welche Zielrichtung die nächste Reform haben muss: Gleiche Einkommen sind gleich zu besteuern. Nur dann kann die Last gerechter verteilt werden - zwischen den Einkommensschwächeren (die Armen sind von der Steuer befreit) und den Topverdienern, aber auch unter den Wohlhabenden, von denen der eine Spitzensätze überweist und der andere mit Abschreibungsprojekten aller Art seine Steuerschuld gegen null drückt.

Das Gleiche gilt für Unternehmen, auch wenn es dort wegen des internationalen Steuerwettbewerbs besonders schwierig ist, die Gleichmäßigkeit der Besteuerung durchzusetzen. Deshalb muss das Steuerrecht europäischer werden.