Die Pflanze sieht so abgenudelt aus wie ein vergessener Weihnachtsbaum im Hochsommer: ein nackter Stamm mit Ästen, die sich flehentlich gen Himmel recken. Dass dieses Ding überhaupt lebt, beweist einzig seine grüne Farbe.

Salicornia bigelovii, zu Deutsch Queller, ist ein Mauerblümchen.

Im Verdrängungskampf um die besten Lebensräume hat der zwischen 5 und 40 Zentimer hohe Minikaktus versagt, auch im Kampf um die zweitbesten und alle weiteren. Er wächst zu langsam, er hat kaum Chancen, sich genügend Licht zu holen. Geblieben sind ihm und anderen Vertretern der Gattung der Halophyten - vulgo Salzpflanzen - deshalb die Slums der Natur, jene Ecken auf diesem Planeten, die durch kumulierte Unwirtlichkeit auffallen: salzwassergetränkte, oft wüstenähnliche Böden. Die Halophyten gedeihen auf exponiertem Gestein am Meeresufer oder in ausgedörrten Ebenen, wo sonst nur weiße Salzausblühungen wuchern. Sie wachsen an sandigen Küsten, an den Ufern von Lagunen, auf Salzwiesen und im Schwemmland der Deltas.

Zusammengefasst heißt das: Halophyten wachsen überall dort, wo der Rest der Flora kapituliert. Für 99 Prozent der rund 250 000 bekannten und bestimmten Pflanzen ist der Lebensraum der Halophyten so tödlich wie der luftleere Raum für den Menschen. Ihre Anpassungsleistung zwingt uns, auf den hässlichen Queller & Co. nun doch ein Auge zu werfen. Denn die Salzpflanzen sind ein Zukunftskapital.

Bereits ein Drittel aller Ackerbauflächen gilt heute weltweit nur noch als bedingt fruchtbar. Kulturpflanzen wie Weizen und Mais zeigen Stresserscheinungen, die Erträge nehmen ab. In den USA werden die jährlichen Ernteausfälle auf fünf Milliarden Dollar geschätzt. Hauptursache ist die zunehmende Versalzung der Böden - eine Folge der intensiven Bewässerung. Mit jeder Tonne Süßwasser wird auch ein halbes Kilo Salz in den Boden gebracht.

Das Mineral reichert sich nicht nur an - es löst bereits natürlich im Boden enthaltenes Salz. Ertragreicher, aber wasserhungriger Weizen aus Europa hat etwa in Australien die einheimischen, trockenheitsresistenten Arten abgelöst, mit der Konsequenz einer starken Bodenversalzung. Adelaide droht im Jahr 2050 das Trinkwasser auszugehen. Es ist eine Entwicklung ohne Ausweg.

Es sei denn, man biegt sie um. So wie Philipp Kauffmann, Experte für Salzwasserlandwirtschaft und Direktor von Ocean Desert Enterprises (ODE) mit Sitz in Amsterdam. Kauffmann hat die Qualitäten der Halophyten erkannt: Salicornia bigelovii ist nicht nur essbar, es ist geradezu delikat und hat das Zeug, zu einem kulinarischen Kultgewächs zu werden. Die Pflanze ist von Natur aus gesalzen, mit den nötigen Spurenelementen versehen, schmeckt leicht pfeffrig und knackt lustig zwischen den Zähnen. Das gefällt den modernen europäischen Köchen - sie servieren den Queller bereits als Rohkost oder blanchiert als Beilage zum Fisch.