In der deutschen Wirtschaftsforschung ist es fast wie in der Bundesliga. Da gibt es Aufsteiger und Absteiger, auch der Transfermarkt funktioniert. Das ZEW aus Mannheim ist der Aufsteiger des Jahres und will gleich ganz oben mitmischen. Beim DIW Berlin wechselt eine Stütze der Mannschaft unfreiwillig den Verein und nimmt ein paar Mannschaftskollegen mit. Und Hamburgs HWWA verabschiedet sich aus dem Oberhaus in die zweite Division.

Ein entscheidender Unterschied: Zur obersten Liga gehören nur sechs Mannschaften. Wer auf diesem Niveau mitspielt, entscheidet der Senat der Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz (WGL). Die schickt im Abstand von etwa sieben Jahren Kontrolleure in die Forschungsinstitute, die auf der Leibniz-Liste stehen - die peniblen Evaluierungen sind gefürchtete Termine. Auf dem Spiel stehen Prestige und Geld. Wer vor der Kommission nicht besteht, kann die öffentlichen Zuschüsse verlieren.

Insgesamt hat das Image der Forschungsbundesliga gelitten, nachdem mehrere Institute ihre Spitze nicht besetzen konnten. Doch die Zeit der Vakanzen ist vorbei. Im Kieler Institut für Weltwirtschaft ist der Amerikaner Dennis Snower ins Chefbüro eingezogen, und das Institut für Wirtschaftsforschung Halle hat den Dresdner Professor Ulrich Blum zum neuen Präsidenten gekürt.

Mitten in Turbulenzen steckt jedoch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW). Zum Jahreswechsel scheidet der Chef der Konjunkturabteilung Gustav Horn aus - gegen seinen Willen. Institutschef Klaus F. Zimmermann hat ihm eine Verlängerung des auslaufenden Vertrages mit dem Argument verweigert, er habe sich nicht ausreichend wissenschaftlich qualifiziert. Horn, der sich in seiner Zeit als Abteilungsleiter habilitierte, sieht den Grund für seinen Rausschmiss anderswo. Er vertritt - anders als sein Chef - in der Tradition des DIW eine keynesianisch geprägte Nachfragepolitik, über der Diskussion der Hartz-Gesetze kam es zum öffentlich ausgetragenen Zerwürfnis.

Mehr als 50 Ökonomie-Professoren setzten sich im vergangenen Sommer für Horn ein. Vergeblich. Der ist ab Januar selbst Institutschef. Im Rahmen der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung gründet er in Düsseldorf das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK). Horn geht davon aus, dass die Gewerkschaften wohl unsere größten Kunden sein werden, versichert aber, er werde nicht an der Spitze eines Kampfinstituts des DGB stehen. Schließlich gehe es um die Reputation der neuen Einrichtung.

Der wird sicher nicht schaden, dass Horn einige seiner künftigen Mitstreiter aus dem DIW mitbringt. Fünf Forscher der DIW-Konjunkturabteilung haben ein verbindliches Angebot der Böckler-Stiftung vorliegen, viel spricht dafür, dass sie dem Ruf folgen. Und es sieht ganz danach aus, dass damit der Aderlass nicht zu Ende ist. Kürzlich hatte DIW-Chef Zimmermann noch versichert, alle Leistungsträger hätten ihm mitgeteilt, dass sie nicht an Abwanderung dächten. Nun wird sich Zimmermann eine neue Konjunkturabteilung zusammensuchen müssen.

Schwierig gestaltet sich zudem die Nachfolge für Horn. Bereits zweimal wurde die Stelle ausgeschrieben, jetzt reichte es gerade zu einer kommissarischen Besetzung. Vom 1. Januar an kommt Alfred Steinherr, Chefökonom der Europäischen Investitionsbank, nach Berlin. Das heißt: Er kommt bestenfalls für ein oder zwei Tage pro Woche, da er seinen Job in Luxemburg und dazu eine Professur in Bozen beibehält. Bis zum Herbst sollte der Posten definitiv vergeben werden.