Nie zuvor wurde ein Gebiet solcher Größe so schnell verwüstet wie am zweiten Weihnachtstag die Küstenregion Südostasiens. Betroffen war damit das für den Tourismus wertvollste Terrain: die Strände. Viele Staaten am Indischen Ozean leben von Badegästen; und drei jener Länder, die durch die Flut besonders zu Schaden kamen, waren als Fernreiseziele bei europäischen Winterflüchtlingen besonders beliebt.

Thailand und die Malediven galten in der Reisebranche als sichere Größen. Auf Sri Lanka erreichte der Fremdenverkehr nach dem Ende des Bürgerkriegs Rekordhöhe. Zur Zeit des Unglücks hielten sich im Land mindestens 2.000 Gäste aus Deutschland auf, darunter Altbundeskanzler Helmut Kohl. Hier, wo die Flut wohl am schlimmsten tobte, wurden die ersten deutschen Toten geborgen. Die Behörden gehen von insgesamt 70 Deutschen unter den Opfern aus, andere Schätzungen nennen 200 – bei insgesamt 18.500 Toten auf der Insel. Womöglich boten die Hotels mehr Schutz als die Hütten der Angestellten und Fischer. Vielleicht rettete auch nur der Zeitpunkt des Bebens um acht Uhr indonesischer Zeit vielen Langschläfern das Leben. Auf den Malediven scheinen die allermeisten Urlauber verschont geblieben zu sein. 70 der 87 Hotelresorts sind wieder in Betrieb. "Ich mache mir mehr Sorgen um die Einheimischen", sagt eine Sprecherin der Fremdenverkehrszentrale. Sie haben meist keine Filteranlagen, um das Grundwasser vom Salz zu reinigen.

Traurige Nachrichten deuten sich für Angehörige von Urlaubern in Thailand an. Hier traf die Flutwelle einige der belebtesten Strände auf der Insel Phuket. Noch sind die Rettungsmannschaften nicht in alle Gebiete vorgedrungen. Doch mindestens ein Hotel in Khao Lak mit 200 Angestellten und 415 meist deutschen Gästen soll völlig zerstört worden sein. Es ist zu befürchten, dass viele Deutsche dort zu Tode kamen. Außenminister Joschka Fischer sprach von einer "menschlichen Tragödie", wie er sie noch nicht erlebt habe. Der Bundeskanzler brach seinen Urlaub ab.

Die von den Terroranschlägen der vergangenen Jahre sensibilisierte Reisebranche reagierte gefasst auf die Katastrophe. Noch an Weihnachten traten Krisenstäbe zusammen und stellten Kontakte zu den versprengten Urlaubern her. Inzwischen sollen die meisten wieder sicher in Deutschland sein. Alle großen Anbieter haben Hotlines für Angehörige eingerichtet. Die allerdings sind überlastet, da viele Kunden sie zur kostenlosen Umbuchung oder Stornierung nutzen wollen, wozu sich die meisten Reiseveranstalter bereit erklärt haben.

Wirtschaftlich haben die Unternehmen wenig zu befürchten. Marktführer wie TUI und Condor/Thomas Cook machen nur etwa ein Prozent ihres Umsatzes in Südostasien, weshalb Buchungseinbrüche wie nach den Anschlägen von Djerba unwahrscheinlich sind. Die Tourismusbehörden der betroffenen Länder haben eher Anlass zur Sorge, doch sie verbreiten unerschütterlichen Zweckoptimismus. Malaysia sei unversehrt, verkündet eine Sprecherin der zuständigen Tourismusagentur. Man müsse nur noch den Strand reinigen, dann könne man wieder für alles garantieren – "außer für schönes Wetter". Dass zur Reinigung auch das Bergen von 60 Leichen gehört, bleibt unerwähnt. Auch Channa Jayasinghe, der neue Direktor des Fremdenverkehrsamtes von Sri Lanka in Deutschland, redet die Probleme klein: Die Reparaturarbeiten würden lediglich "mehrere Wochen dauern".

Diese Einstellung hat etwas für sich. Als die TUI ihre 380 Kunden auf den Malediven ausfliegen wollte, zogen es die allermeisten der Urlauber vor, zu bleiben. Sie hatten von Verwüstungen auf Nachbarinseln bloß gehört und wollten sich davon nicht den Urlaub vermiesen lassen. Man mag dies unsensibel oder auch leichtsinnig finden; aber es bewahrt die Atolle, die fast ausschließlich vom Tourismus leben, vor wirtschaftlicher Not, die der Flut zu folgen droht. Mit Beginn des nächsten Jahres sind die Malediven wieder zu buchen. Die Branche hofft auf das kurze Gedächtnis der Urlauber. "Wir haben gemerkt, dass selbst Terrorismus unsere Gäste nicht nachhaltig beeindruckt", meint die TUI-Sprecherin Stefanie Rother. Das könnte auch für eine Naturkatastrophe gelten, die sich bei aller Tragik wohl so bald nicht wiederholt.

Nicht jeder Betroffene sieht es so pragmatisch. Man versteht gut, warum jener Berliner Rentner in Phuket, den das Fernsehen zeigt, unter Tränen "keiner kümmert sich" klagt. Ein rundum betreuter Paradiesurlaub war ihm versprochen worden, und nun findet er sich unversehens in einem armen Land wieder, weit weg von daheim. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, wann der erste Urlauber vor Gericht zieht und einen Schuldigen sucht. Und wer will ihm dann erklären, wie eine Flutwelle über Stunden den ganzen Indischen Ozean durchqueren kann, ohne dass jemand gewarnt wird, von Sicherheitsmaßnahmen ganz zu schweigen?