Auch in diesem Jahr wird die Silvesternacht bei einigen Menschen keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Hemmungslos fluten sie mit Sektströmen und härteren Spirituosen die Schaltstellen für das Langzeitgedächtnis in ihren Hirnen. Am nächsten Tag ist der Kater groß und die Erinnerung an alle Peinlichkeiten der Nacht futsch.

Filmriss nennt man diese selbstinduzierte Form des Vergessens. Eine äußerst passende Metapher, denn Gedächtnisverluste aller Art sind im Filmgeschäft ein beliebtes Sujet. Erst kürzlich ließ Jim Carrey in Vergiss mein nicht! die Erinnerungen an eine unglückliche Liebe elektronisch aus seinem Hirn tilgen; Adam Sandler musste in 50 erste Dates seine amnestische Geliebte immer wieder neu erobern, und Matt Damon stolperte als Jason Bourne verwirrt durch Die Bourne Identität. Dem CIA-Agenten war irgendwie die Erinnerung an seinen Namen, seinen Beruf und seinen Auftrag abhanden gekommen, und nun wollten ihm alle – aus ihm unerklärlichen Gründen – ans Leder.

Dass – obgleich klinisch selten – "die profunde Amnesie ein oft genutzter Kunstgriff im Film" ist, bemerkte auch Sallie Baxendale. Die Londoner Neuropsychologin gönnte sich ein paar spannende Filmabende und begutachtete rund 60 Filmtitel aus den vergangenen 90 Jahren. Im Fachblatt British Medical Journal kam sie zu einem vernichtenden Urteil: Der Kinofilm an sich tauge nicht als Lehrmaterial. "Die meisten amnestischen Fälle im Film haben wenig mit der Realität zu tun." Das Publikum bekäme einen ganz und gar falschen Eindruck vom wahren Wesen der Gedächtnislücke.

Aus dramaturgischen Gründen muss ein Unfall das Gedächtnis auslöschen

Da wären zum Beispiel die Auslöser für den Blackout. Im klinischen Alltag kappen hirnchirurgische Eingriffe, Infektionen oder Schlaganfälle den steten Datenstrom in den Gedächtnisschaltkreisen. Regisseure aber bevorzugen Unfälle mittels abstürzender Ziegel und Blumentöpfe, Knüppelattacken und Attentate. Tatsächlich können Schädeltraumata im echten Leben Gedächtnisstörungen herbeiführen, die Opfer haben etwa nach einem Unfall Schwierigkeiten, neue Informationen zu speichern. Ihre alten Erinnerungen bleiben unberührt. Das ist nicht die Verwirrtheit, die Dramaturgen lieben. Als zum Beispiel der Weihnachtsmann in Hallo ich bin der Weihnachtsmann! in eine Schneesturmwolke geriet, überlebte er den Sturz ohne Blessuren und mit intaktem Kurzzeitgedächtnis – dafür aber war ihm seine Biografie abhanden gekommen. Diese Art Identitätsverlust sei, so Baxendale, im Film besonders geschätzt und träte dort gehäuft unter Profikillern auf. Neben der Bourne Identität belegt auch Tödliche Weihnachten dieses Berufsrisiko. Eine merkschwache Lehrerin findet heraus, dass sie eine CIA-Agentin ist und sieht sich plötzlich als gejagte Beute.

Der gedächtnisgestörte Filmheld – ob Killer oder Weihnachtsmann – hat zwar einen erheblichen Hau weg, aber sonst keine Schwierigkeiten, sich in seiner Umwelt zurechtzufinden. Er schult einfach um (der echte Weihnachtsmann wird Kaufhaus-Nikolaus) oder schießt sich durch die Welt. Bei seinen Nachforschungen kann sich der Betroffene auf seine normale Merkfähigkeit verlassen.

Während der reale Patient mit dem Kurzzeitgedächtnis ringt, kann sein Film-Pendant auf vollständige Genesung hoffen. Eine probate Kur nach dem Erstschlag auf die Schädelkalotte scheint zum Beispiel der Zweitschlag. Baxendale nennt das den "Zwei ist besser als einer"-Ansatz. Das funktioniert bei den Cartoon-Figuren ebenso gut wie bei Tarzan. In der realen Welt dagegen ist ein Schlag auf den Hinterkopf nie förderlich. Nur im Falle eines Psychotraumas kann ein zweiter – psychologischer – Schock hilfreich sein.

Manchmal aber ist es filmisch auch gar nicht erwünscht, dass sich die Protagonisten erinnern. In der Science-Fiction-Klamotte Men in Black verhindert ein bleistiftförmiges Blitzgerät, dass die Kunde von der Besiedlung der Welt durch die Aliens an die Öffentlichkeit dringt. Unerwünschte Zeugen werden einfach geblitzt und verlieren dadurch die entsprechenden Erinnerungen.