fernsehen Erleuchte uns, Meister!

Harald Schmidts Einstand bei der ARD war keine Katastrophe. Zu sehen ist eine neue Phase seines Werks

Eines Nachts aber fanden die Herren von der ARD in der Wildnis einen bärtigen Alten. Der Alte sagte zu ihnen: Ich bin der König der Late- Night-Unterhaltung, und ich möchte verhandeln. So hüllten sie den Zitternden in ein paar Millionen Euro und brachten ihn zurück nach Köln. Bald war dem Alten die Brille in den Bart eingewachsen, sodass er sie nicht mehr auf die Nase zurückschieben musste und nun die Hände frei hatte, um sie in den Schoß zu legen. Das ist, in dürren Worten, die Geschichte von Harald Schmidts Rückkehr auf den Bildschirm.

Wenn im Theater ein Mann glatt rasiert von der Bühne geht und im nächsten Akt bärtig zurückkommt, dann weiß das Publikum: Aha, es muss Zeit vergangen sein, der Mann hat viel erlebt, vermutlich ist er gereist. Das Publikum ahnt aber auch: Der Alte wird sich von nun an nicht mehr aus dem Sofa erheben. Er wird zu Hause bleiben und seine Umgebung mit Anekdoten belästigen. So war, in dürren Worten, Harald Schmidts erster Auftritt nach seiner TV-Pause.

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Eine Premiere als Kehraus. Kein Schöfferhofer Bier mehr, kein Zerlett, keine Gäste. Nur noch ein Bart. Am Bildrand glitten die Titel aller Shows durch, die von Gästen leben, Kernmaischbeckfriedberger, das Laufband schoss dahin wie ein Abwasserkanal. Braucht man Gäste, Rüschen, Ornamente? Schmidt braucht das nicht. Ab damit!

Nur Manuel Andrack war noch da, und vermutlich ist er seit dem 23. Dezember 2003, dem Tag des Abschieds von Sat.1, nicht aus seinem Sessel aufgestanden. Der Partner tat nicht viel, aber was er tat, verpuffte; er gab dem lahmenden Meister ein paar sinnlose Starthilfen. Er erinnerte an den Schalterbeamten, den der taz- Karikaturist Tom so gern zeichnet, an einen Mann mit Spinnweben zwischen Achsel und Schreibtischplatte.

Was tat Schmidt? Er kommentierte Filmschnipsel des abgelaufenen Jahres. Das macht aber Stefan Raab flinker, und der tolle Berliner Filmerzähler Jürgen Kuttner ist Raab und Schmidt in dieser Kunst uneinholbar voraus. Schmidts Auftritt war also fürchterlich, und die Kritiken waren giftig. Denn nun gehört Schmidt ja nicht mehr zu den Privaten, nun badet er in unserem Geld, unsere Gebühren gehen für seine Nonchalance drauf.

Schmidt hat an diesem ersten Abend mit heldenhafter Wurstigkeit die Polster seines Alterssitzes tiefer gedrückt. Er und Andrack wirkten endverbeamtet, unkündbar, Männer, die ihren guten Namen für sich arbeiten ließen. Irgendwo in der Nacht, das Plopp hat man weithin gehört, entkorkte Anke E. eine Flasche. Dann machte Schmidt noch diesen fürchterlichen und schon legendären Gag aus der Ingolf-Lück-Ecke (»Das ist Désirée Nick? Ich dachte, das sei der Arsch von Anouschka Renzi«). Und an dem arbeiten wir uns seitdem ab. Wieso macht er so was?

Kein Zweifel: Er ist schon wieder viel weiter. Er hat uns diese erste Sendung nur hingeworfen, um uns zu täuschen. Eine neue Probe von Schmidts Metahumor: Man lacht nicht mehr über seine Pointen, man denkt nach über das Umfeld und die dramaturgische Funktion der Pointe. Man sagt nicht: Oh, Schmidt hat gerade einen ganz schlechten Witz gemacht, man fragt sich: Warum hat Schmidt wohl jetzt gerade diesen schlechten Witz positioniert? Warum hat es ihm gefallen, diese erste Sendung so rettungslos zu versenken? Auf welcher fernen Sinnebene muss darüber gelacht werden?

Seine Katastrophen sind künstlerische Entscheidungen; er wird sie uns schon noch erklären, vielleicht in sieben, acht Monaten. Denn wir, seine Zuschauer, sind durch Frustration kaum noch zu vergraulen. Wir leiden nicht an einzelnen Schmidt-Sendungen, wir analysieren die Phasen seines Werks. Und in welcher Phase ist Schmidt jetzt? Er ist dabei, sich aus den Fesseln des »Unterklassenfernsehens« durch äußerste Kargheit der Einfälle zu befreien.

Schauen wir uns in Großaufnahme noch einmal sein neues Gesicht an; hören wir genau hin. Kommt da nicht das politische Kabarett wieder angeknistert? Hält Schmidt in seinem Bart etwa den guten alten Dieter Hildebrandt als Geisel?

Bei Hildebrandt allerdings gab es noch ein Programm. Er empfand sich als Instrument der Aufklärung; er ließ uns die Welt durch seine Brille sehen, in der Hoffnung, dass der Zuschauer dadurch klüger und die Welt besser werden würde. Schmidt, diese Kunstfigur ihrer selbst, erklärt nichts mehr. Vielmehr versuchen wir andauernd, sie uns zu erklären. Mag sein, so hat kürzlich ein Feuilletonist vermutet, dass hinter Schmidts Masken gar nichts ist. Mag sein; aber auch darin ist Schmidt unser Spiegel.

 
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