Das Tor zur Armut ist aus Glas. Es führt in ein großes Haus aus rotem Backstein. Sabine Flock ist schon oft hindurchgegangen. Am Anfang hat sie sich nicht viel dabei gedacht. Sie war eben zwischendurch mal ein, zwei Monate arbeitslos. Kein Grund, sich Sorgen zu machen.

Aus den Monaten wurden anderthalb Jahre, jetzt naht der 1. Januar 2005. Es naht Hartz IV. Plötzlich hat Sabine Flock guten Grund, sich Sorgen zu machen, wenn sie die Tür zum Münchner Arbeitsamt öffnet. Künftig wird sie von dort kaum noch Geld bekommen. "An manchen Tagen habe ich einfach nur Angst", sagt sie.

Sabine Flock, 44, alleinstehend, studierte Theaterwissenschaftlerin, Tochter eines Gärtners, war eine Besserverdienende. "Ich habe immer viel und gern gearbeitet." Über einen Studentenjob bekam sie ihre erste Stelle bei einem kleinen Maschinenbauer, wechselte zu Computer-, Internet- und Venture-Capital-Unternehmen, konnte sich schöne Urlaube und eine teure Wohnung leisten, stieg auf zur unverzichtbaren Assistentin des Geschäftsführers. Bis die Anteilseigner auf die Idee kamen, auf den Geschäftsführer zu verzichten – und dann auch Sabine Flock kündigten. Das war am 23. April 2003, seither ist sie arbeitslos.

Finanziell konnte sie das bisher einigermaßen verwinden. Zwölf Monate lang erhielt sie je 1500 Euro Arbeitslosengeld. Und dank des Sozialsystems der Bundesrepublik Deutschland und ihres hohen früheren Einkommens hätte sie künftig eine monatliche Arbeitslosenhilfe von rund 1300 Euro beziehen können. Notfalls bis zur Rente.

Doch dieses Stück Bundesrepublik ist vom 1.Januar an beendet.

Hartz IV ist nicht einfach nur ein neues Gesetz. Es ist ein in Paragrafen gefasstes neues Denken über die Motive menschlichen Handelns, die Ursachen der Arbeitslosigkeit und darüber, wann der Staat seine Bürger unterstützen soll und wann sie sich selbst helfen müssen. Hartz IV beseitigt alte Ungerechtigkeiten – und schafft womöglich neue.

Jahrzehntelang war das deutsche Sozialsystem vom Gedanken geprägt, dass Arbeitslose vor allem Opfer seien. Und dass deshalb jeder abhängig beschäftigte Bürger dieses Landes das Recht habe auf einen einigermaßen gesicherten Lebensstandard, wenn er seinen Job verliert. Vorbei. Hartz IV bedeutet, "Arbeitslose werden jetzt selbst für ihre Lage verantwortlich gemacht", sagt der Sozialpolitik-Experte Gerhard Bäcker von der Universität Duisburg-Essen. Künftig müssen sie selbst für den Erhalt ihres Lebensstandards sorgen.