Es bleibt nicht viel Zeit. Die Eltern nehmen ihre kleine Tochter und legen sie vorsichtig wie einen Schatz in die ausgehobene Grube. Dann treten sie weg. Das nächste Elternpaar wartet, legt sein Kind ab. Dann kommt das übernächste. Verwesungsgeruch liegt in der Luft. Die kleine Stadt hat 400 Tote zu beklagen. 150 davon sind Kinder. Es ist ein Massenbegräbnis. Mit den Kindern wird die Zukunft begraben. Zum Schluss kommt der Bagger und schüttet die toten Gesichter zu.

Am Sonntag ist das Meer über Cuddalore gekommen. Die westlichen Urlauber an der indischen Küste müssen die Flut als apokalyptischen Wahnsinn an einem jungfräulichen Morgen verstanden haben. In Sekunden verloren Tausende ihr Leben, Abertausende ihr Hab und Gut. Eine der schlimmsten Naturkatastrophen aller Zeiten hat sich in einer Zeit ereignet, da man technisch alles zu beherrschen glaubte. Das Meer hat zurückgeschlagen, und der Mensch war machtlos. Ein solches Beben, wird es später heißen, sei Alltag der Erde. Warum, wird man später fragen, investiert man nicht endlich in ein Katastrophenfrühwarnsystem fürs Paradies?

In Thailand, nördlich von Phuket, hängt am Morgen nach der Flut die nackte Leiche eines Mannes am Baum. Es sieht aus, als habe die Flutwelle ihn gekreuzigt. Es wirkt wie ein Symbol, als rächten sich irgendwelche Mächte aus den Tiefen des Meers. In Phuket ziehen freiwillige Helfer eine Leiche nach der anderen von den Stränden ab, aus den Pools und Hotelruinen heraus. Am Dienstag sind 20.000 Kinder Südasiens tot. Die Zahl aller Toten wird auf 55.200 veranschlagt. Minütlich werden neue Leichen geborgen, brechen Frauen und Männer, Väter, Mütter und Freunde über leblosen Körpern zusammen. Über 100 deutsche Urlauber sterben in Phuket. Unzählige hat der Sog ins Meer gezogen. Manche werden nie wieder auftauchen, und als einige in ihren Badehosen angeschwemmt werden, sind sie nicht einmal zu identifizieren.

Die, die die Welle kommen sahen, schrien, rannten um ihr Leben. Viele hatten nicht die Kraft, sich an den Baumstämmen oder Booten festzuhalten. Die Flut überrollte Strände und Dörfer, sie schluckte Häuser und Autos.

10.000 Kilometer Küstrenregion im Indischen Ozean sind von der Flutwelle betroffen. Das Deutsche Rote Kreuz rechnet mit zwei bis drei Millionen Obdachlosen. Die Seuchengefahr wächst. Es gibt kein sauberes Trinkwasser. Im überschwemmten Gebiet drohen Krankheiten. Gift im Wasser verursacht Wundinfektionen, Hautausschläge, Hals-, Nasen- und Ohrenentzündungen. Bakterien vermehren sich und verursachen Fieber, Nierenschäden und Hirnhautentzündungen. Ein größeres Problem sind die Mücken, die in den brackigen Pfützen gedeihen und die Obdachlosen infizieren. In sechs bis acht Wochen könnten die ersten Malariaepidemien auftreten. Mit den Mücken verbreitet sich auch das Dengue-Fieber.

Noch immer herrschen Chaos und Besinnungslosigkeit. Allmählich wird man sich der Beispiellosigkeit dieser Katastrophe bewusst. Die UN starten die größte Hilfsaktion ihrer Geschichte. Und entsetzt, betroffen, verzweifelt fragt man: Warum gab es keine Warnung?

Dabei hat es sie gegeben. Die Tsunami-Warnung für Südostasien wurde wenige Minuten nach dem verheerenden Seebeben vor Sumatra veröffentlicht. Sie stand auf der Internet-Seite des Geologischen Dienstes der USA (USGS). Wer sie lesen wollte, musste sich über fünf Links weiterklicken.

Dort war zunächst die Entwarnung für Amerika zu lesen: »Keine Tsunami-Gefahr für die Pazifikregion.« Darunter stand: »Möglichkeit eines Tsunamis im Erdbebengebiet.« Die Warnung verpuffte, niemand erfuhr davon. Auch Werner Kladden, Vorstandsvorsitzender von EM.TV, nicht. Er erwachte in seinem Hotel, 50 Meter über dem Strand von Phuket gelegen, früh am Morgen. Dann ging er joggen. Kaum war er zurück, hörte er Rufe vom Strand her – die Welle kam. Die meisten konnten sich in Sicherheit bringen. Kladden berichtet: »Wenige Kilometer weiter, in einer Bucht für Taucher, ist alles zerstört. Viele Taucherfreunde sind umgekommen. 24 Stunden lang herrschte das pure Chaos. Dann bekamen die Behörden die Lage halbwegs in den Griff.« Kladden beklagt den Mangel an Vorwarnsystemen. Es sei aber, so höre man in Phuket, die kommerzielle Schifffahrt gewarnt worden.

Um Wasser derart in Wallung zu versetzen, dass ein Tsunami entsteht, muss sich der Meeresboden senkrecht verrücken, hinauf oder hinunter. Wie ein gigantischer Kolben drückt er gegen die Wassermassen. Diese Gefahr droht vor allem an den so genannten Subduktionszonen der Erde. Dort schiebt sich die ozeanische Gesteinskruste unter einen Kontinent und taucht steil ins Erdinnere ab. Solche Zonen umringen den Pazifik, wo sich der Meeresboden bei einem Erdbeben um mehrere Meter verschiebt. Auch durch das Mittelmeer, von Sizilien bis zur Türkei, verläuft eine solche Subduktionszone. Am Rand des Indischen Ozeans, vor dem Indonesischen Inselbogen, drückt sich ebenfalls Gestein knirschend ins Erdinnere. Bei dem Beben vor Sumatra senkte sich der Untergrund innerhalb von Sekunden auf einer Strecke von rund tausend Kilometern um zehn Meter.

Als sich vor Millionen Jahren die schwere Ozeankruste der Indisch-Australischen Platte unter den eurasischen Kontinent zu schieben begann, verlor sie in der Tiefe ihre wasserhaltigen Minerale. Das Wasser quoll empor, senkte die Stabilität des drüberliegendes Gesteins und schmolz es zu Magma. Mit Hochdruck brach diese heiße Erdsauce durch die Oberfläche. So entstand die Vulkankette Indonesiens. Indonesien sieht aus wie ein Bumerang – es bildet exakt die Form der abtauchenden Erdplatte nach.