jahrüberblick2004 – Das war’s

Gierige Manager und machtlose Gewerkschaften, verlorene Jobs bei Karstadt und Opel, gerettete Stellen bei Siemens und VW, ein Präsident, der geht, und einer, der bleibt – für die Wirtschaft endet ein Jahr des Umbruchs

6. Februar
Die Bundesagentur für Arbeit bekommt einen neuen Chef
Florian Gerster, der Vorstandsvorsitzende der Nürnberger Bundesagentur für Arbeit, wird arbeitslos. Der selbstbewusste SPD-Mann muss sich den Vorwurf gefallen lassen, einen 1,3 Millionen teuren PR-Vertrag mit der Beraterfirma WMP ohne Ausschreibung abgeschlossen zu haben. Über den Rücktritt entscheidet der Verwaltungsrat, in dem Vertreter von Regierung, Gewerkschaften und Arbeitgebern sitzen. Nachfolger wird Gersters Freund und Stellvertreter Frank-Jürgen Weise. Hat Weise womöglich sein CDU-Parteibuch an die Spitze gebracht? In den folgenden Monaten erweist sich der Neue als zurückhaltender Behördenchef – anders als Gerster, der immer Politiker blieb.

17. Februar
Die Maut stirbt – und wird wiedergeboren
Verkehrsminister Manfred Stolpe kündigt den Vertrag: Bereits im September 2003 sollte das System für die Erfassung und Berechnung der Lkw-Maut auf deutschen Autobahnen funktionieren, doch DaimlerChrysler und Deutsche Telekom versagen. Schließlich lehnt Stolpe deren letzten Vorschlag als "technisch, rechtlich und wirtschaftlich nicht akzeptabel" ab. Dann vergibt er einen neuen Auftrag – an das alte Konsortium Toll Collect. Wichtigste Neuerung: "Die Mauterhebung beginnt spätestens am 1.Januar 2005" in einer vereinfachten Version. Gegen das Konsortium strengt er zugleich ein Verfahren an, das ihm 3,6 Milliarden Euro bringen soll – als Schadensersatz.

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24. März
Rekordgeldbuße für Microsoft – die Aktionäre kassieren trotzdem
Zum Ende der Amtszeit von Wettbewerbskommissar Mario Monti verhängt die EU-Kommission gegen Microsoft die Rekordgeldbuße von 497 Millionen Euro. Dazu kommen technische Sanktionen, die auf die Vormachtstellung des Betriebssystems Windows zielen. Im Juni klagt Microsoft gegen die Entscheidung, doch die Forderung, die Sanktionen bis zum Ende des Hauptverfahrens auszusetzen, wird kurz vor Weihnachten abgelehnt. Übrigens: Anfang Dezember zahlte der Software-Riese seinen Anlegern eine Sonderdividende von drei Dollar je Aktie – insgesamt 32,8 Milliarden Dollar. Mehr als drei Milliarden Dollar gehen an Firmengründer und Großaktionär Bill Gates.

16. April
Bundesbankchef Ernst Welteke muss gehen
Nach zwei unsäglichen Wochen zieht Bundesbankpräsident Ernst Welteke die Konsequenz aus der Adlon-Affäre und tritt zurück. Zwei Wochen, in denen Welteke kein Unrechtsbewusstsein erkennen ließ und Verschwörungstheorien Nahrung gab, Parteifreund Hans Eichel wolle ihn loswerden. Welteke hatte auf Einladung der Dresdner Bank mit Frau und Kindern während der Euro-Einführung Silvester 2001 vier Nächte im Berliner Luxushotel Adlon verbracht. Die Rechnung: rund 8000 Euro. Das Problem: Im Rahmen der Bankenaufsicht überwacht die Bundesbank auch die Dresdner Bank. Weltekes Nachfolger wird der Wirtschaftsprofessor Axel Weber.

25. April
Sanofi übernimmt Aventis, die französische Regierung hilft
Nach langem Ringen stimmt der Aufsichtsrat des deutsch-französischen Arzneikonzerns Aventis der Übernahme durch den französischen Wettbewerber Sanofi zu. Ende Januar hatte Sanofi-Chef Jean-Francois Dehecq den Konkurrenten mit einem feindlichen Angebot überrascht, was besonders die 9000 deutschen Aventis-Mitarbeiter um ihre Jobs bangen ließ. Wochenlang protestierte die Belegschaft der ehemaligen Hoechst AG gegen die Übernahme, das Management in Strasbourg suchte derweil nach Alternativen. Am Ende machte dann aber doch Sanofi das Rennen. Die französische Regierung hatte dafür gesorgt, dass in Paris der drittgrößte Pharmakonzern der Welt entstand.

1. Mai
Die Europäische Union wird größer und größer und…
Am 1. Mai geschah eine Revolution in Europa, aber keiner merkte es so recht. Auf einmal hatte die EU zwei Hand voll Mitglieder mehr: von Polen bis Litauen, von Malta bis Slowenien. Aber erst bis 2006 müssen sich die 25 Alt- und Neustaaten darauf einigen, wie die Geldströme fließen. Der Verteilungskampf dürfte der härteste in der Geschichte der Gemeinschaft werden. Denn die Unterschiede zwischen den Ländern sind so groß wie nie zuvor. Was beispielsweise Polen hinzugewinnt, muss der bisher größte Nettoempfänger Spanien wohl abgeben. Die osteuropäischen Arbeiter müssen übrigens noch Jahre draußen bleiben: Deutschland lässt sie erst in vier Jahren herein.

4. Mai
Air France und KLM fusionieren zur weltgrößten Fluggesellschaft
Die "königlich niederländische Fluglinie" KLM und Frankreichs Fluggesellschaft Air France gehen zusammen – und bilden mit einem Jahresumsatz von 19,2 Milliarden Euro den größten Luftfahrtkonzern der Welt. Die beiden Airlines, die äußerlich eigenständig bleiben, ergänzen sich: Die Franzosen bedienen vor allem südeuropäische Strecken, die Niederländer sind in Nordeuropa stark. Die Heimatflughäfen Paris Charles de Gaulle und Amsterdam Schiphol dienen als Drehkreuze für Fernflüge, die Passagiere profitieren von aufeinander abgestimmten Flugzeiten. Der französische Staat gewinnt dagegen finanziell: Er verkauft im Dezember ein Aktienpaket von 18,4 Prozent.

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