Wie war das noch? War es ein gutes Jahr für die Liebe?
Karl Otto Hondrich, 67, lehrt Soziologie an der Universität Frankfurt/Main. Ihn interessieren vor allem die »kollektiven moralischen Gefühle«. 2004 erschien sein Buch »Liebe in den Zeiten der Weltgesellschaft«
DIE ZEIT: Sie beschreiben in Ihrem Buch, was passiert, wenn wir den Fortbestand einer Gesellschaft auf das flüchtigste Gefühl bauen, die romantische Liebe. Meinen Sie, dass es ein schlechtes Jahr für die Liebe war?
Hondrich: Ich würde sagen, das war individuell verschieden. Es gab ein paar schöne Liebesereignisse, die die romantische Liebe auf dem Höhepunkt gezeigt haben. Ich denke da an die beiden Prinzenhochzeiten, in denen sich ja mehr verbunden hat als Mann und Frau: Adel mit Schönheit und bürgerlicher Leistung, also Felipe und diese tüchtige Laetizia; oder das Alte Europa in Gestalt des Prinzen Frederik, das sich mit der Frische Australiens in Gestalt seiner Mary verbunden hat. Die Liebe sprengt alle Grenzen: Dieser schöne und moderne Gedanke hat sich in diesen Prinzenhochzeiten symbolisch dargestellt. Zugleich hat sich die romantische Liebe mit der Institution der Ehe verbunden. Es gibt zwar die romantische Liebe überall, wie die Ethnologen festgestellt haben. Aber dass dieses wankelmütige und eher jugendliche Gefühl die Grundlage der Ehe sein kann – sogar sein muss – das ist eine sehr moderne Erscheinung.
ZEIT: Das heißt, Sie waren eher pessimistisch, als Sie die verliebten Hochzeitspaare im Fernsehen sahen? Falls Sie das überhaupt verfolgt haben…
Hondrich: Nicht ausführlich. Aber wenn ich etwas davon erhascht habe, dann habe ich es nicht nur mit dem kritischen Blick des Soziologen betrachtet, sondern habe mich auch von den schlichten romantischen Gefühlen mittragen lassen, denn wir alle identifizieren uns ja mit den jungen Leuten, die da verliebt sind. Sogar die Älteren, die schon erhebliche Enttäuschungen erfahren haben und die eigentlich nicht mehr daran glauben. Die romantische Liebe ist nicht totzukriegen, sie überdauert die einzelnen Ehen. Bevor wir uns von unserer romantischen Vorstellung von der Liebe trennen, trennen wir uns eher von unserem Partner.
ZEIT: Welcher Teufel, so fragen Sie in ihrem Buch, reitet uns eigentlich, das Dauerhafte auf das Vergänglichste zu bauen? Also: welcher?
Hondrich: Wir werden dabei von einer großen Welle getragen, der Welle hin zur Freiheit, die es ja nicht nur als politische und ökonomische Freiheit gibt, sondern, noch gar nicht so lange, als Freiheit, sich den eigenen Partner zu wählen. Aber bei aller Freiheit sind wir ausgeliefert: an Amors Pfeile. Das alles bringt Instabilität, aber trotzdem: Die Liebesehe ist so instabil nicht, wie wir glauben, wenn wir an die vielen Scheidungen heute denken. Denn der größere Teil der Ehen wird nicht geschieden und dauert doppelt und dreifach so lange wie vor 100 Jahren – durch die Langlebigkeit der Menschen. Es gibt also eine recht große Stabilität in diesem System, die wir kaum wahrnehmen, weil wir eher auf die gescheiterten Ehen schauen. Die Liebe hat auch selbststabilisierende Kräfte. Denn sogar wenn sie sich abschleift oder von Routinen durchsetzt wird, bleibt ja noch die Erinnerung an die schöne Zeit der romantischen Liebe. Und es bleiben positive Gewohnheiten, und da überlegt man sich schon zwei- oder dreimal, ob man das alles aufgeben soll.
ZEIT: Das wäre das Modell Beckham: Man bleibt zusammen, trotz – laut Medien – mehrfachen Betrugs, und kriegt sogar ein drittes Kind?
- Datum 31.12.2004 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 31.12.2004 Nr.1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







