Wie war das noch? Malen Sie jetzt andere Bilder?

Jörg Immendorff, 59, wurde im August wegen Kokainbesitzes zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Danach kehrte er als Professor an die Kunstakademie Düsseldorf zurück

DIE ZEIT: Herr Professor Immendorff, Sie standen im Mittelpunkt eines der spektakulärsten Strafprozesse des Jahres 2004. Die Zeitungen durchleuchteten bei dieser Gelegenheit ausführlich Ihr Privatleben, bewerteten Ihre sexuellen Neigungen – hielt das Jahr 2004 für Sie auch glückliche Momente bereit?

Jörg Immendorff: Die gab es, in der zweiten Jahreshälfte gab es einen positiven Schub. Betroffen davon war meine Kunst, es hatte aber auch mit meiner Familie zu tun. Mehr möchte ich dazu nicht sagen. Was ich meine, ist auch schwer in Worte zu fassen.

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ZEIT: Wissen Sie mittlerweile, wer der Polizei den Tipp gab, in Ihrem Düsseldorfer Hotelzimmer nach dem Rechten zu sehen?

Immendorff: Nein.

ZEIT: Der Gedanke an diese Person macht Sie immer noch wütend?

Immendorff: Damals war ich wütend, anonym denunziert worden zu sein.

ZEIT: Sie dürfen weiterhin an der Düsseldorfer Kunstakademie lehren, haben Sie das Gefühl, dennoch an Reputation eingebüßt zu haben?

Immendorff: Meine künstlerische Reputation hat mit dem, was passiert ist, nichts zu tun.

ZEIT: Nach dem Urteil sind Sie in Ihr Atelier zurückgekehrt und haben einfach weitergemalt?

Immendorff: Ich habe vor dem Prozess gemalt, ich habe während des Prozesses gemalt, und ich male nach dem Prozess.

ZEIT: Finden Sie nach einer Unterbrechung schnell wieder in die Arbeit an einem Bild zurück?

Immendorff: Mit jedem Bild ist es anders. Manchmal male ich bis in den Traum hinein.

ZEIT: Fällt es Ihnen schwer, sich von Ihren Bildern durch Verkauf zu trennen?

Immendorff: Das ist mir zu keiner Zeit schwer gefallen, die Bilder durch die Ateliertür verschwinden zu sehen. Die Bilder müssen hinaus in die Welt, dafür sind sie gemalt.

ZEIT: Malen Sie jetzt, mit dem Wissen um Ihre Krankheit, anders als früher?

Immendorff: Die großen Themen des Lebens wie Tod, Liebe, Verfall, Fragen nach dem Jenseits wurden und werden immer am intensivsten in der Kunst behandelt. Dies gilt für kranke wie auch für gesunde Künstler. Die Bedrohung ist da, die Diagnose schiebt sie mir vor die Augen. Das werde ich nicht wegdrücken. Aber es funktioniert auch nicht so, dass ich mich wie ein Sonnenritter benehme, der die Sekunden eines jeden neuen Tages genießt. Ich bin so muffelig wie immer, der gleiche, bisweilen unangenehme Geselle.

ZEIT: Und bei alledem lassen Sie sich den Mut nicht nehmen?

Immendorff: Ich bin gerne Galionsfigur, wenn es um die Aufklärung der ALS-Krankheit geht; wenn es darum geht, den Ehrgeiz von Forschern zu wecken, die Menschen wachzurütteln. Weniger Sinn sehe ich darin, tägliche Bulletins über meine persönliche Situation herauszugeben. Ich bin ein Patient unter vielen, der sich an die Forschungsergebnisse klammert.

ZEIT: Sind Sie in die medizinischen Versuche einbezogen?

Immendorff: Ich habe mich zur Verfügung gestellt. Im Übrigen werden wir im April 2005 im Berliner Ensemble eine Kulturgala veranstalten. Wir brauchen drei Millionen Euro, um eine experimentelle Reihe zu initiieren, an deren Ende wir hoffentlich tatsächlich eine Pille in der Hand halten.

ZEIT: Ihr Vater war Offizier, haben Sie von ihm auch Selbstdisziplin gelernt?

Immendorff: Ich weiß nicht. Zum Malen hatte ich immer meine festen Zeiten – wie ein Soldat. Ich konnte nie etwas mit dem Spitzweg-Klischee anfangen.

ZEIT: Die bislang eher unbekannte preußische Seite des Künstlers Immendorff…

Immendorff: Einige der preußischen Tugenden sind mir eher sympathisch, siehe Alter Fritz. Ich habe zeit meines Lebens stets nur zu wenig Talent gehabt, um nicht hart zu arbeiten . Große Kollegen wie Penck oder Lüpertz habe ich immer beneidet. Wie Penck mit seiner anarchistischen Begabung, wie Lüpertz mit seiner Eleganz umging; wie Penck, mit großer Vorarbeit, innerhalb von zwei Stunden um sich herum zehn Bilder vollenden konnte. Ganz anders der Immendorff. Meine Schülerzeichnungen etwa waren alles andere als das Versprechen einer großen künstlerischen Karriere. Ich war weiß Gott kein frühes Genie…

ZEIT: …aber schon talentiert…

Immendorff: …vermutlich…

ZEIT: …und wie wurden Sie mit diesem Rüstzeug derjenige, der Sie heute sind?

Immendorff: Selbst auf die Gefahr hin, dass die ZEIT- Leser meinen, der Immendorff schluckt wohl zu viele Medikamente: Während des Malprozesses fliegen mir die Dinge zu, ich kann es nicht anders erklären. Plötzlich wird mir etwas in den Kopf gesetzt, eine Idee, ein Satz. Nichts davon war zuvor geplant, unversehens stellt es sich ein.

ZEIT: Ist diese Kreativität abhängig von Stimmungen, von Stimmungswandeln?

Immendorff: Weder ist gute Laune die Garantie für ein gutes Bild noch die Depression . Noch die gute Absicht.

ZEIT: Wer darf Sie kritisieren?

Immendorff: Jeder, der mich und sich auf einen guten Gedanken bringt, wie mein Händler Michael Werner oder meine Frau, Menschen, die Zugang zu meinen Bildern haben wie sonst nur wenige. Meine Frau und Kollegin besitzt einen besonderen Blick für meine Arbeiten. Manchmal weiß ich nur, irgendetwas stimmt mit einem Bild nicht, kann das, was mich stört, aber nicht genau lokalisieren. Sie kommt dann aus der Wohnung hoch in mein Atelier, schaut auf die Leinwand und beschreibt den Fehler, legt den Finger genau auf die Wunde. Sie ist unbestechlich. Es ist eine Begabung, es ist das dritte Auge, das ein Bild durchdringt.

ZEIT: Sind Sie mit der Art, wie Sie in der Öffentlichkeit dargestellt werden, im Ganzen zufrieden?

Immendorff: Es gibt ein Bild, das ich in den siebziger Jahren gemalt habe, ein frühes Fazit meiner damals jungen Karriere. Es ist eine Art Rechenschaftsbericht, in dem auch vermerkt ist, dass ich berühmt werden wollte, in der Zeitung stehen wollte – mein Leitfaden ist der Egoismus, lautete meine Selbstkritik. So ist es wirklich gewesen. Ich wollte Leute erreichen, von Anfang an.

ZEIT: Und nun, Ende des Jahres 2004, haben Sie sich vollends als öffentliche Person etabliert. Als Ehemann, als Vater einer vierjährigen Tochter. Zufrieden mit der medialen Karriere?

Immendorff: Es gab in der hohen Zeit der achtziger Jahre den Immendorff, der pausenlos eingeladen wurde, der zu Partys von Gloria von Thurn und Taxis ging und zu großen Box-Abenden. Man hatte damals gern Maler um sich – und ich habe immer gern gefeiert. Dies alles gefiel mir wohl eine Zeit lang zu gut.

ZEIT: Danach haben Sie sich nicht mehr vereinnahmen lassen?

Immendorff: Soll das heißen, dass eine Einladung sofort einer Vereinnahmung gleichkommt? Wenn ich mich entschieden habe, mit meiner Krankheit an die Öffentlichkeit zu gehen, dann aus einem Grund: um dem von mir und der Charité Berlin ins Leben gerufenen Jörg-Immendorff-Stipendium und der damit verbundenen Erforschung von ALS zum Erfolg zu verhelfen. Mit dieser medialen Vereinnahmung und mit Immendorff als Galionsfigur sorge ich dafür, dass ALS, eine bisher eher unbekannte Krankheit in Deutschland, ein Gesicht bekommt.

Interview: Hanns-Bruno Kammertöns

 
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