Debatte Ist der Kopftuchstreit für Sie erledigt?
Fereshta Ludin, 31, ist Lehrerin. Sie hat im Oktober auf weitere rechtliche Schritte verzichtet
DIE ZEIT: Im Oktober haben Sie nach sechsjährigem Rechtsstreit beschlossen, Ihren Kampf aufzugeben: Sie wollen keine Verfassungsbeschwerde gegen das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts einlegen, wonach baden-württembergische Lehrerinnen im Unterricht kein Kopftuch tragen dürfen. War alles umsonst?
Fereshta Ludin: Ich bereue keinen Schritt. Gegen Diskriminierung im Berufsleben vorzugehen, das braucht seine Zeit, und es ist nicht leicht. Ich habe Verständnis für Menschen, die Ängste haben. Doch die einzige Chance ist, miteinander zu reden und einen Konsens zu suchen. Die Lösung ist nicht, alles zu verbieten, was einem schwierig erscheint. Ich werde den Dialog auf anderen Ebenen weiterführen.
ZEIT: Viele Kritiker werten das Kopftuch als Zeichen mangelnder kultureller Integration. Stehen Sie dafür?
Ludin: Dann würde ich mich doch nicht für Bildung interessieren und für einen beruflichen Werdegang! Dadurch zeige ich doch, wie integriert ich bin, dass ich etwas Gutes leisten will und für die Werte unserer Gesellschaft eintrete.
ZEIT: Dennoch wird Ihnen vorgeworfen, Sie trügen innerislamische Kontroversen ins Klassenzimmer.
Ludin: Dass das Kopftuch auch für Unterdrückung und Ungleichheit steht, dieser Aspekt wird seit Jahren viel zu sehr betont. Man will überhaupt nicht sehen, dass viele emanzipierte Frauen ganz andere Dinge damit verbinden und das auch durch ihre Lebensführung beweisen.
ZEIT: Schicken Sie Ihre sechsjährige Tochter zum Beispiel zum Sportunterricht?
Ludin: Selbstverständlich, auch auf Klassenfahrten. Ich habe selbst daran teilgenommen und halte es für extrem wichtig, Kinder zu einem gesunden Umgang mit ihrem Körper zu erziehen. Das gehört auch zu meinem islamischen Grundverständnis: den Körper, der von Gott gegeben ist, gut zu behandeln und zu pflegen. Das versuche ich auch allen anders denkenden Eltern zu vermitteln. Die Integration aber wird durch Armut, soziale Ungleichheit und massive Vorurteile verhindert.
ZEIT: Wie erleben Sie diese Vorurteile?
Ludin: Auf mich bezogen, erlebe ich eine Phobie hoch zehn! In den Medien wurde aus mir eine andere Person gemacht, Dinge wurden auf mich projiziert, die nichts mit mir zu tun haben. Das hat mich sehr verletzt. Ich bin eine Deutsche, die sich zu dieser Gesellschaft bekennt. Auch ohne Kopftuch würde ich mich für exakt das Gleiche engagieren.
ZEIT: Wird von Migrantinnen in Deutschland zu viel erwartet oder zu wenig gefordert?
Ludin: Von uns wird zu viel erwartet. Als Minderheit haben wir einen Berg von Problemen. Und in der Praxis fehlt es an Konzepten. In meinem Studium gab es ein einziges Seminar »Ausländerpädagodik«. Welch ein Unwort! Und im Referendariat wird das Thema überhaupt nicht behandelt. Aber als Lehrerin stehen Sie vor bis zu 90 Prozent muslimischen Schülern. Man sollte den Wert qualifizierter Migrantinnen und Migranten nicht unterschätzen.
ZEIT: Die Entstehung von so genannten Parallelgesellschaften, das ist momentan ein großes Thema.
Ludin: Was meint man damit? Für mich heißt »Parallelgesellschaft«, dass Menschen fern voneinander in unterschiedlichsten Welten leben. Es gibt zwar Probleme, aber oft erlebe ich in Berlin-Kreuzberg ein unkompliziertes Miteinander, eine menschliche Vielfalt, die ich so in Wilmersdorf nicht finde.
ZEIT: Wo bleibt in muslimischen Kreisen die Fähigkeit zur Selbstkritik, etwa, wenn es um die Unterdrückung der Frauen geht?
Ludin: Sie wächst, bedingt durch die Debatte. Und dennoch wünsche ich mir auf allen Seiten mehr Respekt für andere Glaubensrichtungen anstelle des alten Überlegenheitsgedankens.
ZEIT: Lässt sich dieser Respekt für Sie mit der Forderung nach einer deutschen Leitkultur vereinbaren?
Ludin: Nein. Unser aller Basis ist das Grundgesetz. Was will man da noch obendrauf setzen? Werte, die an eine Religion gebunden sind? Das ist realitätsfern und so in unserer pluralistisch orientierten Verfassung nicht angelegt.
Interview: Andrea Thilo
- Datum 07.07.2006 - 07:28 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 31.12.2004 Nr.1
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