Georg Wilhelm Adamowitsch war nervös. Seine Ehefrau wartete. Abrupt zog sich der beamtete Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium am Nachmittag des 1. Dezember aus einer Gesprächsrunde zurück, um gemeinsam mit seiner Gattin einer Einladung des drittgrößten deutschen Energieversorgers zu folgen. Vattenfall Europe hatte mehr als tausend erlesene Gäste aus Politik, Kultur und Medien in die Deutsche Staatsoper geladen, zur Vorpremiere der Oper Carmen, dirigiert von Daniel Barenboim, und mit anschließendem Empfang in den gediegenen Räumen der Opern-Konditorei.

Adamowitsch ist für Energiepolitik zuständig und novelliert derzeit das Energiewirtschaftsgesetz. Seit Monaten ringen Staatsdiener und Konzern-Lobbyisten deswegen um die Neufassung der Paragrafen, die die Spielregeln auf dem Strom- und Gasmarkt für die kommenden Jahre festlegen werden. Das von der Europäischen Kommission in Brüssel geforderte Ziel, künftig per Regulierung für Wettbewerb auf dem Strom- und Gasmarkt zu sorgen, beunruhigt die Netzmonopolisten, die unter den bisherigen Bedingungen Milliardengewinne erwirtschaften. Und sie versuchen ihre Interessen mittels politischer Landschaftspflege durchsetzen.

Eine Aufführung von Carmen könnte da helfen, erlaubt sie dem Vattenfall-Europe-Chef Klaus Rauscher doch, seinen Konzern als Kulturförderer in ein sanftes Licht zu rücken. Ein 50 000-Euro-Scheck, ausgestellt für die Aktion Opernkarten zu Kinopreisen mit der junge Leute zu Besuchen der Oper motiviert werden, könnte ablenken von weniger glanzvollen Leistungen wie der zum 1. Januar 2005 angekündigten 19-prozentigen Erhöhung der Entgelte für die Nutzung der Vattenfall-Stromnetze, der Abbaggerung von Ortschaften in Lausitzer Braunkohlenrevieren oder den Millionen Tonnen von Klimagasen, mit denen Vattenfalls Kraftwerke die Atmosphäre aufheizen. Was könnte die geladenen Gäste friedvoller stimmen als ein wenig Wohltätigkeit zu Beginn der Adventszeit?

Die Dunkelziffer der Gierigen ist enorm hoch

Carmen ist nur einer von vielen Fällen, in denen Energiekonzerne die Politik umschmeicheln. Aktiv ist außer Vattenfall Europe, das in Ost- und Norddeutschland überwiegend Braunkohle- und Atomkraftwerke betreibt, auch Marktführer E.on aus Düsseldorf, RWE aus Essen und der Karlsruher Energie Baden-Württemberg (EnBW). Diese großen vier kontrollieren rund vier Fünftel der einheimischen Kraftwerkskapazitäten und 100 Prozent des Höchstspannungs-Transportnetzes. Um ihre Marktanteile zu verteidigen, haben die Unternehmen über Jahrzehnte hinweg dichte Beziehungen zu Ministern, Abgeordneten, Staatssekretären, Landräten und Bürgermeistern, aber auch zu wissenschaftlichen Gutachtern und Beratern aufgebaut. Das Dickicht ist praktisch undurchschaubar.

Gelegentlich werden Einzelfälle bekannt - und in der Presse geächtet. Immer noch betreibt die CDU hilfloses Krisenmanagement, schwer angeschlagen von den Affären ihrer zu gierigen Politiker. Gemeint sind der zurückgetretene Vorsitzende der CDU-Sozialausschüsse Hermann-Josef Arentz und Generalsekretär Laurenz Meyer.

Die Sozialdemokraten können auf ähnliche Erfahrungen zurückblicken. Im Sommer 2002 führten undurchsichtige Geldflüsse zwischen dem PR-Berater Moritz Hunzinger und Verteidigungsminister Rudolf Scharping zu dessen Entlassung.