Ende der neunziger Jahre hatten viele Auktionshäuser auf das aufblühende Internet gesetzt. Doch beim Zusammenbruch der neuen Märkte zogen sich 95Prozent davon wieder aus dem Geschäft im World Wide Web zurück, darunter auch der Pionier artnet.com und das Auktionshaus Sotheby’s. Das Experiment schien gescheitert und abgehakt. Allein eBay reüssierte. Doch das Internet-Auktionshaus bietet weniger ernsthafte Kunst, sondern funktioniert als Schnäppchenmarkt mit einem breit gefächerten Angebot. Kann sich der Kunsthandel dennoch im Netz behaupten?

Es sieht zunächst nicht so aus. Die Auktion zugunsten der Ausstellung Die Vorstellung des Terrors. Die RAF bei Kunst-Werke Berlin mit einem Erlös von 250000 Euro (zwei Tage vor Weihnachten 2004 beendet) ist eher die Ausnahme und war eine Zitterpartie obendrein. 24 Stunden vor der Deadline gab es kaum Gebote. Ganze 14 Tage hatten die Werke so bekannter Künstler wie Francis Alys, Jake & Dinos Chapman und Monica Bonvicini bei eBay im Netz gestanden. Erst kurz vor Toresschluss kamen die Gebote.

Bei dieser Kooperation konnten sich die Käufer wenigstens auf die Qualität der Werke verlassen. Sie stammten von den Künstlern selbst, verbindlich eingeliefert von den Kunst-Werken. Das Prinzip eBay beruht aber grundsätzlich nur auf der Bereitstellung einer Handelsplattform zwischen Anbieter und Käufer – eBay selbst gibt keinerlei Garantien auf die Ware. So tauchen dort auch mehr und mehr Fälschungen auf. Erst kürzlich standen "signierte", aber posthum gefertigte Postkarten von Joseph Beuys zum Verkauf oder von unbekannter Hand geschaffene Arbeiten, die angeblich von Imi Knoebel, Georg Baselitz und Sigmar Polke stammten. Unsicherheiten wie diese sind kaum geeignet, das Vertrauen in den Kunsthandel im Internet zu stärken.

Dennoch konnte ausgerechnet ein so genannter DAU, also in der Fachsprache der "dümmste angenommene User" seine Ideen im Internet erfolgreich umsetzen. Georg Friedrichs glaubte daran, dass man den klassischen Handel mit einer entsprechenden Systemtechnik fast eins zu eins und vor allem verlässlich mit Zustandsbeschreibungen und Provenienzen, Garantien und Rückgabemöglichkeiten in die elektronischen Medien übersetzen kann.

Friedrichs’ Portal ExtraLot.com besteht jetzt seit über sechs Jahren. Inzwischen operieren er und seine zwölf Mitarbeiter von Kranenburg aus weltweit mit Partnern in Amerika, Großbritannien, Frankreich und Belgien. Der mittlerweile florierende Handel mit Grafik und Auflagenobjekten bis zu 1000 Euro im Internet, inzwischen mehr als 2500 verkauften Werke im Monat, sichert das Überleben. 30000 Editionen hat Friedrichs auf Lager. Von Anfang an faszinierte ihn jedoch viel mehr die Entwicklung einer Systemtechnik im Netz.

"Gemeinsam mit unseren Programmierern haben wir alles ausgetüftelt, was das Kunstgeschäft praktikabler und schneller macht, von der elektronischen Lager- und Zuliefererverwaltung, Archivierung bis zur Bereitstellung ganzer digitalisierter Werkverzeichnisse von Künstlern. Und jetzt kommen viele von denen auf uns zu, bei denen wir vor fünf Jahren abgeblitzt sind", freut sich der Unternehmer.

Inhaltlich solide und verlässlich etablieren sich mehr und mehr die Informationsdienste, die ihre Archive zugänglich und damit den Kunstmarkt transparenter machen. 70000 Datensätze, darunter 10000 redaktionelle Beiträge, sind bei kunstmarkt.com einsehbar. 1,2 Millionen Benutzer rufen dort inzwischen monatlich Messe- und Auktionsberichte oder Links zu Galerien ab. Bei artfacts.com surft man derzeit ebenfalls kostenlos durch die internationale Galerienszene und kann 27033 aktuelle biografische Künstlerdaten herunterladen. Profis loggen sich für 99 Euro im Jahr bei artprice.com ein und können anhand von 21 Millionen Auktionsergebnissen von 306000 Künstlern endlose Preisvergleiche anstellen.

Die ständig sich verändernde Internet-Landschaft registriert Thierry Chervel, Mitbegründer des Grimme-Preis-gekrönten perlentaucher.de. Er durchforstet täglich die kulturelle Zeitungs-, Verlags- und TV-Landschaft und stellt Auszüge kommentiert ins Netz. Seine jüngste Beobachtung ist: "Inzwischen geben immer weniger etablierte Medien ihre Informationen für das Netz frei." Das könne jedoch zum Autoritätsverlust in der elektronischen Sphäre und bei deren Nutzern führen.