ZEIT-Gespräch Diese leere Muschel, die übrig geblieben ist…
Ein ZEIT-Gespräch mit dem Lemberger Literaturwissenschaftler Jurko Prochasko über Galizien und das Erbe des Vielvölkerstaates in der heutigen Westukraine
DIE ZEIT: Die polnische Vergangenheit des ukrainischen Lemberg – ist sie ein Thema für die heutige ukrainische Literatur?
Jurko Prochasko: Das ist ein sehr wichtiges Thema. In den ersten Jahren der neuesten ukrainischen Literatur, deren Anfänge mit der ukrainischen Unabhängigkeit, sprich mit dem Jahr 1991 zusammenfallen, war allerdings bemerkenswert, dass die österreichische, die kakanische Kultur sehr im Mittelpunkt des Interesses stand, glorifiziert, mythologisiert und verklärt wurde, während die polnischen und jüdischen Schichten des Lemberger Palimpsestes eher verschwiegen oder verdrängt wurden. Mitte der neunziger Jahre wurde das auch von Kritikern bemerkt. Man sprach vom »Wegdenken« der polnischen Vergangenheit. Bei Juri Andruchowytsch zum Beispiel, einem der wunderbarsten Poeten der alten galizischen, mitteleuropäisch-österreichischen Vergangenheit, meldet sich eher das Farbig-Karnevaleske der spätmittelalterlichen Adelsrepublik vor der Teilung zu Wort, und das polnische Element kommt etwas zu kurz. Bei Juri Wynnytschuk, einem anderen großen Promotor des multikulturellen Lemberg, ist es ganz anders.
ZEIT: Wusste man zu Sowjetzeiten überhaupt etwas von der polnischen Geschichte Lembergs? War sie völlig tabuisiert? Haben die Einheimischen unter sich darüber geredet? Es leben immer noch fünfundzwanzig- bis dreißigtausend Polen in der Stadt. Es steht ein großes Denkmal des polnischen Nationaldichters Adam Mickiewicz auf dem Mickiewicz-Platz…
Prochasko: Das Besondere an Lemberg und seinem Umland ist, dass Galizien nach dem Krieg etwas völlig anderes als vor dem Krieg war. Drei Viertel der Lemberger Bevölkerung gab es nicht mehr. Die Polen waren zwangsweise deportiert, die Juden ermordet worden. Die ukrainischen Intellektuellen waren zum Teil emigriert, zum Teil verfolgt, umgebracht und auch deportiert worden. Nach dem Krieg strömten Massen der bäuerlichen ukrainischen Bevölkerung aus dem Umland nach Lemberg. Es kamen auch sehr viele Menschen aus Russland, vor allem Fachleute für die geplante Industrialisierung, aber auch Menschen aus der Zentral- und Ostukraine. Es gab zwei Wege, sich hier zurechtzufinden: Man konnte diese Kulisse, die Architektur, diese leere Muschel, die ohne das Tier innen drin übrig geblieben war, weitgehend ignorieren und nicht danach fragen, weshalb sie eigentlich hier steht. Oder man konnte fragen: Wieso schimmern an den Wänden irgendwelche komischen Aufschriften durch spätere Farbschichten? Warum ist die Architektur so und nicht anders? Warum sprechen die alten Leute so eine komische Sprache mit vielen unverständlichen Wörtern, und woher kommen diese Wörter?
ZEIT: In der polnischen Literatur wird die Lemberger Mundart noch heute stilisiert…
Prochasko: Vor der Unabhängigkeit der Ukraine wurde die Geschichte der Stadt nicht nur offiziell totgeschwiegen, sondern es war auch strengstens verboten, Wörter wie Galizien überhaupt in den Mund zu nehmen. Es hieß seit Ende des Zweiten Weltkrieges, nachdem die Sowjetmacht gekommen war, nur noch: »die westlichen Gebiete der Ukraine« oder der »Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik«. Und deshalb war die Spurensuche immer eine Sache der Selbstkreation, der Selbstrekonstruktion und mit sehr viel Mühe verbunden. Es gibt eine ganze Reihe von Schriftstellern, Dichtern, Malern und Grafikern hier in Lemberg, die versuchten, die historischen Lücken durch ihre Fantasie wieder gutzumachen. So entstanden fantastische Welten wie die frühe Lyrik von Juri Andruchowytsch, die frühere Malerei des Lemberger Künstlers Jurko Koch oder die imaginären Welten von Wolodymyr Kostyrko, einem anderen Lemberger Maler.
ZEIT: Wie war es bei Ihnen zu Hause? Sprach man über Galizien?
Prochasko: Bei mir zu Hause wurde sowohl von der österreichischen wie auch von der polnischen Vergangenheit Galiziens gesprochen. Allerdings wurde nie darüber gesprochen, was mit den Juden hier passiert war. Es gab nur gelegentlich Erwähnungen über die Zwischenkriegszeit, es fielen etwa Sätze in meiner Familie wie: »Hier war einmal ein jüdisches Geschäft«, oder: »Da war einmal ein jüdischer Arzt.«
ZEIT: Sie sind in Iwano-Frankiwsk aufgewachsen und leben schon lange in Lemberg.
Prochasko: Ja, ich komme aus Iwano-Frankiwsk. Ich selbst sage lieber: Ich komme aus Stanislau. Ich bin mit siebzehn Jahren zum Studium hierher gekommen und in Lemberg geblieben, im Unterschied zu Juri Andruchowytsch oder zu meinem Bruder Taras Prochasko, dem Schriftsteller, die beide gleich nach dem Studium nach Stanislau zurückgegangen sind und jetzt dort leben und schreiben.
ZEIT: An der Lemberger Universität hat sich auch Joseph Roth 1913 immatrikuliert, bevor er nach Wien ging. Sie haben ihn ins Ukrainische übersetzt. Der Schriftsteller Zygmunt Haupt hat hier Architektur studiert. Polnische Schriftsteller wie Gabriela Zapolska, Leopold Staff und Jan Kasprowicz haben in Lemberg gelebt. Auch die Lebensgeschichten von Bruno Schulz, Józef Wittlin, Zbigniew Herbert, Aleksander Wat, Stanis¬aw Lem, Adam Zagajewski sind mit Lemberg verbunden. Kannten Sie die Biografien der polnischen Autoren zu Sowjetzeiten?
Prochasko: Wir kannten Stanis¬aw Lem natürlich, aber nur als Autor von Science-Fiction-Romanen. Es war nicht nur so, dass die galizische Vergangenheit in der westlichen Ukraine verboten und verdrängt wurde, sondern auch in Polen. Obwohl in Polen das Wort Galizien erlaubt war, durften die polnischen Vertriebenen aus Loyalitätsgründen zum Großen Bruder nicht erwähnen, dass sie in Lemberg geboren worden waren, und schon gar nicht darüber schreiben. Also wussten wir nicht einmal, dass Stanis¬aw Lem in Lwów, in Lemberg, geboren wurde, wir wussten auch nicht, dass es diesen Roman Das Hohe Schloß gibt. Noch stärker betraf die Unkenntnis Adam Zagajewski. Er gehört zu jener Generation der polnischen Literatur, die eher im »drugi obieg«, im zweiten Umlauf, im polnischen Samizdat bekannt wurde. Diese Autoren waren uns nicht einmal annähernd bekannt.
ZEIT: Wurde damals, zu Sowjetzeiten, nicht die legendäre polnische Exil-Zeitschrift Kultura aus Paris in die Ukraine geschmuggelt? Das Anliegen der Kultura war seit der Gründung 1946 die Verständigung mit Polens östlichen Nachbarn.
Prochasko: Doch, schon. Aber das waren Aktivitäten von ganz wenigen Dissidenten, von ganz wenigen Intellektuellen. Wenn man verbotene Texte oder Zeitschriften schmuggelte, ging man ein hohes Risiko ein. Natürlich gab es immer Kontakte zwischen ukrainischen Dissidenten und polnischen Intellektuellen. Zum Beispiel zu Jerzy Giedroyc und seinen Mitarbeitern bei der Kultura in Paris. Die Kultura spielte eine sehr wichtige Rolle in der Verständigung zwischen polnischen, litauischen, weißrussischen, ukrainischen Intellektuellen.
ZEIT: Wann haben Sie die Lemberger Herkunft von Stanis¬aw Lem, Adam Zagajewski und die vieler anderer polnischer Autoren entdeckt?
Prochasko: Erst mit der Unabhängigkeit und der Öffnung der Ukraine in den neunziger Jahren. Aus heutiger Perspektive erscheinen die neunziger Jahre, vor allem die erste Hälfte der neunziger Jahre, vor Kutschmas Präsidentschaft, als eine atemberaubend liberale Zeit, die es, verglichen mit dem Liberalismus im Westen, natürlich nie war. Aber die zunehmend autoritären Tendenzen der zweiten Hälfte der neunziger Jahre lassen diese Zeit jetzt rückblickend als die einer großen Öffnung erscheinen.
ZEIT: Lemberg ist heute voller polnischer Touristen, es gibt polnische Bücher und Zeitungen zu kaufen.
Prochasko: Die neunziger Jahre waren eine unglaubliche Zeit. Es war eine Zeit, da Polen und die Ukraine sich gegenseitig auf allen möglichen Ebenen entdeckten. Wichtig ist, dass es damals keine Visapflicht zwischen der Ukraine und Polen und zwischen der Tschechischen Republik und der Ukraine gab. Die Visapflicht ist eine Erscheinung der letzten zwei, drei Jahre.
ZEIT: Schon vor der EU-Osterweiterung?
Prochasko: Ja. Die Länder mussten sich auf die Osterweiterung der Europäischen Union vorbereiten. Eine Voraussetzung war, dass vor dem Beitritt der neuen osteuropäischen Länder die Ost-Grenzen dicht gemacht werden müssen.
ZEIT: Das ist eine Tragödie für die Lemberger.
Prochasko: Das ist nicht nur eine Tragödie für die Lemberger. Ich höre auch von vielen Menschen auf der anderen Seite, dass es für sie eine Tragödie ist. Wir sind der Möglichkeit des alltäglichen Umgangs miteinander beraubt.
ZEIT: Was die aus Lemberg und Umgebung stammenden polnischen Autoren betrifft: Sind sie alle ins Ukrainische übersetzt worden? Oder verstehen die Lemberger sowieso von zu Hause aus Polnisch?
Prochasko: Nein, wir lesen nicht alle Polnisch. Es ist traditionell so, dass diejenigen Ukrainer, die in den drei heutigen Gebieten von Lemberg – Iwano-Frankiwsk und Ternopil, im alten Ostgalizien also –, groß geworden sind, Polnisch von ihren Großeltern her verstehen. Die Autoren werden aus dem Polnischen übersetzt. Als Erster Bruno Schulz, dann Adam Zagajewski, der 1945 in Lemberg geboren wurde. Ich habe beispielsweise seinen Essay Zwei Städte übersetzt. Stanis¬aw Lem wurde schon immer, auch zu Sowjetzeiten, übersetzt. Aber Das Hohe Schloß wurde erst vor einigen Jahren ins Ukrainische übertragen.
ZEIT: Sie übersetzen aus dem Polnischen, aber Sie übertragen auch gerade Robert Musils Mann ohne Eigenschaften ins Ukrainische…
Prochasko: Ich habe zum Beispiel auch Józef Wittlins Mein Lemberg ins Ukrainische übersetzt. Auch Stanis¬aw Vincenz’ Auf hoher Heide, ein Buch über Bräuche, Sitten und Märchen des Huzulenlandes, wurde übersetzt. Andrzej Chciuks Erinnerungsbuch an seine Heimatstadt Drohobycz Atlantis. Im Großfürstentum der Drohobyczer Sprache ist gerade in Arbeit. Literarisch sind die polnisch-ukrainischen Beziehungen so gut wie nie zuvor. In Lublin gibt es zum Beispiel eine polnisch-ukrainische Universität. Es gibt viele Zeitschriften, die von ukrainischen und polnischen Autoren gemeinsam herausgegeben werden.
ZEIT: Der polnische Verlag Czarne, den die Ethnologin Monika Sznajderman und der Schriftsteller Andrzej Stasiuk 1996 in den polnischen Beskiden gründeten, ist ein wichtiger Mittler ukrainischer Literatur in den Westen.
Prochasko: Alle mitteleuropäischen Autoren, die Zugang zur Weltliteratur fanden, gingen den traditionellen Weg über Deutschland. Heute vor allem über den Suhrkamp Verlag, früher stärker über den Rowohlt Verlag. So erging es auch der polnischen Literatur. Der Verlag Czarne tut jetzt genau das für die ukrainische Literatur, was der polnischen Literatur seinerzeit in Deutschland widerfahren ist. Bei Czarne sind zum Beispiel Bücher von Juri Andruchowytsch, Natalka Snjadanko, Taras Prochasko und Serhij Zhadan erschienen.
ZEIT: Sie sind auch Mitarbeiter der Lemberger ZeitschriftJi (Ï), einer liberalen Zeitschrift, die zwischen 1989 und 1991 als Dissidentenzeitschrift bestand und mit der Unabhängigkeit der Ukraine selbstständig wurde. Benannt ist sie nach einem Buchstaben im ukrainischen Alphabet, den es im Russischen nicht gibt.
Prochasko:Ji ist eine Zeitschrift, die sich mit der polnisch-ukrainischen Problematik befasst, mit der Grenzproblematik überhaupt. In der letzten Zeit haben wir immer wieder das Problem der EU-Osterweiterung diskutiert und was das für die Ukraine bedeutet und über das Europäische in der Ukraine. Neuerdings befassen wir uns auch mit der Problematik der Ost- und Südgrenze der EU, indem wir versuchen, typologisch die Lage der Ukraine, Moldawiens und Weißrusslands mit der Lage der maghrebinischen Länder zu vergleichen.
Das Gespräch führte Doris Liebermann
ukrainisch Lwiw, polnisch Lwów, eine von Polen, Ukrainern, Deutschen, Juden und Armeniern geprägte Stadt des alten Mitteleuropa, fiel bei der ersten Teilung Polens 1772 an die Habsburgermonarchie. Lemberg wurde Hauptstadt des Königreichs Galizien und Lodomerien, wie der Österreich zugeschlagene Teil der alten polnischen Adelsrepublik fortan hieß. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Stadt wieder polnisch. 1939 besetzte die Rote Armee den östlichen Teil Polens, von Lemberg aus fanden 1940 und 1941 Massendeportationen polnischer Staatsbürger statt. Nach dem Krieg fiel die Stadt an die Sowjetunion. Der größte Teil der polnischen Bevölkerung wurde vertrieben.
Jurko Prochasko, 1970 geboren, Literaturwissenschaftler und Germanist, arbeitet am Lemberger Institut für Literaturforschung der Akademie der Wissenschaften. Er ist ein renommierter Übersetzer aus dem Deutschen und dem Polnischen.
- Datum 31.12.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 31.12.2004 Nr.1
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