Bellestristik Das »Phänomen Stanislaw«

Die Anthologie »Ukrainische Literatur heute« gibt ein widersprüchliches Bild von einem uns fast unbekannten Land

Die Ukraine ist derzeit in Mode. Schade um das Land! Glückliche Länder kommen nie in Mode. Man entdeckt unmittelbar hinter dem Osten Europas ein fast unbekanntes Land, das aus mindestens zwei Teilen und zwei Volksgruppen besteht, die miteinander weniger am Hut haben als beispielsweise die Deutschen mit den Österreichern, jene, nach den Worten von Karl Kraus, durch eine gemeinsame Sprache getrennten Völker. Westukrainer und Ostukrainer sprechen verschiedene Umgangssprachen, und nur aufgrund eines nationalen Mythos halten sie sich für ein Volk mit einer Sprache. Jetzt, vor unser aller Augen, platzt dieser romantisch-nationalistische Mythos des 19. Jahrhunderts, der nach vielen geschichtlichen Turbulenzen schließlich auch von Stalin zwecks Integration der galizischen, podolischen und bukowinischen Gebiete 1939 benutzt wurde. Ob Polen, Rumänen oder Nachkommen des fast ausgerotteten Stammes der Ruthenen (Karpato-Russen) mit der Bezeichnung »Westukraine« für diese Gebiete einverstanden sind, ist fraglich, was wiederum heutige Westukrainer überraschen darf, wenn sie sich näher auf Europa zubewegen, was ihr erklärtes Ziel ist. Der heutige ukrainische Staat liegt in den Grenzen der ehemaligen sowjetischen Republik und trägt an der Last aller Probleme, die mit deren tragischem Entstehen verbunden waren. Entsprechen komplex ist diese Region und explosiv das Gemisch ihrer inneren kulturellen Beziehungen.

Die Anthologie Zweiter Anlauf hat einen sehr mutigen Untertitel: Ukrainische Literatur heute. Die wohl bekannteste der acht vorgestellten Autoren ist Oksana Sabuschko. Ihr Roman Feldforschungen auf dem Gebiet des ukrainischen Sex brachte ihr einen etwas skandalösen Ruhm ein, was weniger über den Text als über die Prüderie der ukrainischen Kritiker aussagt. In der Anthologie ist sie mit Gedichten vertreten, die eine Vorstellung von der sprachlichen Intensität dieser Autorin geben. »Und dort gehör ich hin – bis auf jenes ich, / Das davon auch erzählen kann« – so Sabuschko in einem Gedicht über ihr Land. In ihrer bisher nicht übersetzten Prosa spricht sie über die postsowjetische Landschaft, in der alte nationale Mythen freigesetzt werden, über eine » victimization « des kollektiven Selbstbewusstseins, die die Menschen daran hindert, sich endlich als freie Individuen zu fühlen und zu handeln.

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Wer hat Schuld an der Vertreibung der ukrainischen Juden?

Die Erzählung Acht Juden auf der Suche nach ihrem Großvater von Mykola Rjabtschuk illustriert dies vortrefflich. Der Autor (geboren 1953) und seine Frau, die Lyrikerin Natalka Bilozerkiwez (geboren 1954), vertreten in der Anthologie die »ältere Generation«, die ihre literarische Laufbahn in der Sowjetzeit begonnen und sich dann, nach einem kurzen Aufstieg Anfang der siebziger Jahre, in den Untergrund zurückgezogen hatte. Heute genießt Rjabtschuk den Ruf eines der führenden ukrainischen Essayisten und Literaturkritiker. Der Protagonist seiner Erzählung begleitet acht Nachkömmlinge eines galizischen Juden, die aus den USA, aus Israel und Frankreich zusammengekommen sind, um das Land ihrer Vorfahren zu entdecken. Als sie versuchen, vom ukrainischen Antisemitismus zu sprechen, bestreitet der Ich-Erzähler jeden Zusammenhang zwischen ukrainischem Nationalismus und »Pogromen im Russischen Imperium«. Offensichtlich meint er, einen Orden dafür zu verdienen, dass er kein Judenhasser ist, und macht sich zum Lügner, indem er den gewichtigen Beitrag der ukrainischen Nationalisten zur Judenvernichtung leugnet: »So gut ich konnte, versuchte ich zu erklären, dass weder die Ukrainer noch die Juden Subjekt, sondern nur Objekt der Geschichte waren« – das allerdings gilt auch für Russen und Deutsche. Der Protagonist in Rjabtschuks Erzählung fühlt sich frei von jeder geschichtlichen Verantwortung. Schuld sind immer die anderen: »Wir hatten fremde Regierungen. Ich habe nichts dagegen, dass sie sich entschuldigen – vor ihnen, wie auch vor uns.« Das ist eine gefährliche Einstellung, die teilweise auch in den baltischen Ländern herrscht.

Es fehlen die Russisch schreibenden Autoren der Ostukraine

Die Hälfte der Anthologieautoren gehört zum »Stanislawer Phänomen«, wie sich eine Gruppe junger Literaten aus der Westukraine nennt. Der Name bezieht sich auf die galizische Stadt Stanislau oder Stanislaw, die bis zum Ersten Weltkrieg österreichisch und zwischen den Kriegen polnisch war, 1939 von den sowjetischen und 1941 von den deutschen Truppen okkupiert wurde, nach dem Krieg zur Sowjetrepublik Ukraine gehörte und seit 1962, benannt nach dem Schriftsteller Iwan Franko, Iwano-Frankiwsk heißt. Der sammelte Ende des 19. Jahrhunderts eine Gruppe von Literaten um sich, die darum bemüht waren, das Ukrainische als Kultursprache neben (und gegen) das Polnische und Deutsche in Österreich-Ungarn zu etablieren. Es ist verlockend, das »Stanislawer Phänomen« als einen Zweiten Anlauf zu bezeichnen, doch ist man sich in der übrigen Ukraine nicht darüber einig, ob dieses Phänomen von so großer kultureller Bedeutung ist.

In Deutschland ist nur Jurij Andruchowitsch mit seinem essayistischen Werk (Suhrkamp) bekannt, in der Anthologie wartet er mit Gedichten auf. Drei weitere »Stanislawer« sind Tymofi Hawriliw, der Einzige, der sowohl mit Prosa als auch mit Gedichten vorgestellt ist, Taras Prochasko mit Fragmenten aus seinem Roman Neprosti, einer Familiensaga vor den Kulissen der galizischen Karpaten, und Halyna Petrosanjak, eine wirklich interessante Lyrikerin, die als »Dichterin der Karpaten-Exotik« gilt. In einem Artikel über das Stanislawer Phänomen schreibt Andruchowitsch, dass sie aus einem entlegenen Karpatendorf stamme, hinter dem »nur Bären und die rumänische Grenze und weiter nur Siebenbürgen, die Heimat der Vampire, kommen«. Tatsächlich bedürfen diese Gedichte einer solch exotischen Werbung nicht, sie sind einfach gut.

Im Nachwort schreibt Alois Woldan, dass »nur ukrainisch schreibende Autoren in diese Sammlung Aufnahme gefunden haben, wenngleich das literarische Leben in der Ukraine auch von russisch schreibenden Autoren geprägt wird, die ihren eigentlichen Leser primär in Russland und in Übersetzung manchmal auch im Ausland finden«. Das stimmt nicht ganz. Diese Autoren haben ein paar Dutzend Millionen Leser in der Ukraine, die sich überwiegend nicht als Russen, sondern als russischsprachige Ukrainer verstehen. Das »ukrainische« Russisch dieser Menschen ist nicht gleich dem Russischen in Russland, so wie das Deutsch der Österreicher nicht gleich dem »Bundesdeutschen« ist. Selbstverständlich ist eine Anthologie kein Parlament, aber die Ukraine ist für den deutschen Leser ein so unerforschtes Gebiet, dass es sicher angebracht gewesen wäre, ein paar geo- und ethnografische Tatsachen festzuhalten. Ansonsten kann man dieses Buch nur begrüßen.

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  • Quelle (c) DIE ZEIT 31.12.2004 Nr.1
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  • Schlagworte Literatur | Schriftsteller | Lyrik
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