Am Morgen des 1. April 1946 erschütterte ein starkes Erdbeben die Inselgruppe der Aleuten, und ein mächtiger Tsunami wälzte sich ohne Vorwarnung auf die Küste von Hamakua auf Hawaii zu. Die Kinder trafen gerade bei der Schule in Laupahoehoe ein, als das Meer plötzlich zurückwich. Ungläubig staunende Schüler und Lehrer liefen zum Strand. Dann kehrte die See als neun Meter hohe Wasserwand wieder. Schreiend rannten die Kinder zurück, 24 von ihnen erreichten die Schule nicht mehr. Sie wurden ins Meer gerissen und nie gefunden.

Am 50. Jahrestag der Tragödie berichteten Schüler, dass die Überlebenden erzählten, wie einige Kinder sofort getötet wurden, als der Tsunami sie gegen Felsen oder Bäume schleuderte. Über ein Dutzend von ihnen wurde lebend in das an Haien reiche Wasser gerissen. Heute gibt es von Somalia bis Sumatra Tausende von Ereignissen wie jenes vom 1. April 1946 in Hawaii – jedes mit seiner eigenen Geschichte von Furcht, Tod und Heldentum. Ein Archipel des Grauens und der Trauer erstreckt sich über den Indischen Ozean.

Welche Lehren können wir aus einer solchen Katastrophe ziehen? Die Insel Hawaii, die 1960 eine weitere Tsunami-Tragödie erleiden musste, wird heute durch ein hochmodernes Frühwarnsystem geschützt. Es gibt am Strand Sirenen und eindrucksvolle neue Wellenbrecher, tief liegende Gebiete wurden nicht wieder bebaut. Wegen der sich verschiebenden Platten, die das Pazifische Becken umgeben, sind tödliche Tsunamis etwa alle 25 Jahre beinahe unvermeidlich.

Aber auch gigantische Wellen brauchen immer noch Stunden, um Ozeane zu durchqueren. Vergangenen Sonntag hätten also Tausende durch einen einfachen Telefonanruf oder eine Radiodurchsage, gefolgt von lokalen Rettungsmaßnahmen, vor dem Tod bewahrt werden können. Sowohl die reichen als auch die armen Länder müssen die Verantwortung für den Aufbau eines wirklich globalen Küsten-Frühwarnsystems übernehmen. Angesichts der Tatsache, dass heutzutage die Mehrheit der Menschen in küstennahen Regionen wohnt, ist ein solches System unabdingbar und von höchster Dringlichkeit.

Gleichwohl sind Tsunamis im Indischen Ozean relativ selten, wohingegen die Überschwemmung von Küstengebieten und der ansteigende Meeresspiegel eine tödliche Gefahr für Abermillionen von Menschen darstellen. Am meisten gefährdet durch häufigere und heftiger werdende Stürme ist Bangladesch.

Es werden Milliarden für die Rettung der Schätze Venedigs vor der Überflutung ausgegeben, aber im Golf von Bengalen sind Millionen Menschen in ebenso unmittelbarer Gefahr. Insofern waren die Wellen, die jetzt über die Malediven und die Andamanen hinweggingen, eine schreckliche Erinnerung daran, dass ganze Inselnationen ertrinken. Die Industrieländer, die mit ihren Autos und der Verschmutzung der Umwelt das Weltklima verändert haben, müssen nun auch die Lasten dafür tragen, ärmere Küstenbewohner vor den herannahenden Wassermassen zu schützen.

Mike Davis, geboren 1946, ist einer der bedeutendsten Stadtsoziologen der Vereinigten Staaten und lehrt an der University of California, Irvine. Zuletzt erschien "Die Geburt der Dritten Welt" (Juli 2004)

Aus dem Englischen von Christiane Behrend