Hector Berlioz mutmaßte, die Pariser Opéra Comique habe 1834 das Libretto zu Benvenuto Cellini aus übergroßer Angst vor seiner Musik abgelehnt. Von der existierte damals zwar noch kaum ein Ton, doch abwegig war die Überlegung deshalb nicht. Berlioz' Einschätzung, er habe als Umstürzler des nationalen Genres Oper gegolten, war realistisch. Man hat das Libretto zurückgewiesen, um sich nicht genötigt zu sehen, die Musik eines Wahnsinnigen zuzulassen.

Die Oper, die er wenige Jahre später vollendete, gehört mit ihrem überbordenden, selbst für Berlioz ungewöhnlichen Reichtum an Melodien, verschiedenartigsten Rhythmen und kühnen Orchesterfarben zu den größten des 19. Jahrhunderts, auch wenn das Musikleben sie in einem Akt grausiger Borniertheit bis heute nicht als solche wahrnimmt. 1838 geriet die Uraufführung von Benvenuto Cellini an der Pariser Opéra zu einem fulminanten Skandal. Die meisten Beteiligten waren offenbar restlos überfordert - gut vorstellbar angesichts der noch heute horrenden Anforderungen an Musiker und Sänger. Nach sieben Vorstellungen zog Berlioz die Oper resigniert zurück. Für ein gutes Jahrhundert gelangte sie, wenn überhaupt, in jener stark gekürzten Fassung auf die Bühne, die Liszt für seine Weimarer Aufführungen in den 1850er Jahren schuf.

Erst 1966 rehabilitierte die Londoner Covent Garden Opera Benvenuto Cellini als musikalisch wie dramaturgisch grandioses Meisterwerk, das das unorthodox geniale Künstlertum als Gegenentwurf zur spießigen Gesellschaft postuliert.

Die Oper erhebt die Kunst zur wahren Religion der Romantik, bringt nebenbei den ersten Arbeiterstreik auf die Bühne und lässt am Ende das in einer gewaltigen Explosion entstehende Kunstwerk als greifbare Utopie der Versöhnung von Kunst und Gesellschaft erscheinen. Was für ein Finale! Und welche Volks- und Karnevalsszene geht ihm voran - eine Feier des entfesselten Rhythmus und Saltarello-Taumels, in der für Liszt die Menge zum ersten Male mit ihrer großen und tosenden Stimme spricht.

Trotzdem hat Colin Davis' bahnbrechende Aufnahme von 1972 erst jetzt, nach mehr als drei Jahrzehnten, Konkurrenz bekommen. John Nelson studierte noch einmal das Uraufführungsmaterial und legt mit dem exzellenten Orchestre National de France und dem Choeur de Radio France eine knappe halbe Stunde zusätzlicher Musik vor (Virgin Classics 7243 5 45706). Sängerisch bleibt die ältere Aufnahme der Maßstab, trotzdem ist der neue Benvenuto ein Fest.

Vielleicht war Berlioz nie besser.