Geht es um die Bedeutung ihres Forschungsgebiets, zitieren Nanoforscher gern Cicero. "Alles kommt aus kleinen Dingen", hatte der römische Philosoph einst bemerkt. Bei der wirtschaftlichen Umsetzung hingegen mögen sich Europas Materialwissenschaftler künftig nicht mit Kleinigkeiten abgeben – und blicken neidvoll über den Atlantik. "Europa läuft Gefahr, im weltweiten Wettlauf um neue Technologien ins Hintertreffen zu geraten", warnten Experten bei einem Treffen europäischer Wissenschaftler und Forschungspolitiker in Stuttgart.

Ihre Sorge gilt den Anwendungen der Nanotechnik. Stoffe mit auf atomarer Skala maßgeschneiderten Eigenschaften werden zunehmend marktreif. Analysten prophezeien Zuwachsraten von über 50 Prozent in den nächsten Jahren. Doch wenn sich in den europäischen Forschungsstrukturen nicht einiges grundlegend ändere, werde das Nano-Geschäft am alten Kontinent vorbeilaufen, wie zuvor schon in der Gen- und Informationstechnik.

Zwar arbeiten in Europa 20 nationale Initiativen an Fragen rund um das Thema "Nano", auch das Netzwerk der Großforschungseinrichtungen, die mit Teilchenbeschleunigern und Neutronenreaktoren grundlegende Materialeigenschaften erforschen, ist gut organisiert. Insgesamt geben Europas Regierungen etwa gleich viel Fördermittel für Nanotechnik aus wie die Konkurrenten Japan und USA. Dennoch verzeichnen die USA mehr als doppelt so viele Start-up-Firmen im Bereich Nanotechnik wie Europa, was Hervé Pero frustriert. "Unsere Stärke in der Grundlagenforschung schlägt sich nicht in Patenten nieder", klagt der Leiter der Abteilung für Wissenschaftsstruktur bei der EU-Kommission.

"Die Forschungsfragen der Industrie sind einfach anders und vielfach komplizierter als die akademischen Modellsysteme", sagt Erling Rytter von der Universität Trondheim, der den norwegischen Ölkonzern Statoil berät. Für die Grundlagenforschung reiche es aus, beispielsweise die Eignung von Nanostrukturen als Katalysator zu beobachten. Für industrielle Anwendung aber gelten ganz andere Anforderungen an die Stabilität und Lebensdauer des Nano-Katalysators. Die Industrie brauche reproduzierbare Messstrategien, standardisierte Abläufe. Darauf aber seien die Akademiker nicht eingestellt. Die nötigen Zertifizierungen der Messabläufe für Industrieversuche existieren an Großforschungseinrichtungen nicht.

Deren Instrumente sind oft Selbstbauten von Forschergruppen; sie glänzen nicht gerade durch Bedienerfreundlichkeit. "Innerhalb einer einzigen Einrichtung ist oft nicht mal die Programmiersprache die gleiche", berichtet Edgar Weckert vom Hamburger Synchrotronstrahlungslabor Hasylab. Vielmals unterscheide sich die Benutzeroberfläche gar von Messplatz zu Messplatz.

In den USA dagegen werden ganze Messplätze ausschließlich von Unternehmen wie IBM oder Exxon betrieben. "Hier nutzen lediglich jene Firmen die Großeinrichtungen, deren Forscher bereits aus der Studienzeit Erfahrung mit den Geräten haben. Alle anderen finden Entschuldigungen, es trotz der vielversprechenden Möglichkeiten nicht zu tun", sagt Louis Schlapbach, Leiter der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt im schweizerischen Dübendorf.

Um die Zusammenarbeit zwischen Großforschungszentren und Industrie zu stärken, haben die Wissenschaftler in Stuttgart die Initiative Gennesys ins Leben gerufen. Vorbild auch hier die USA: Dort entstehen an den Großforschungsstätten vielfach Technologiezentren, die Raum und Infrastruktur für Anwendungsideen bieten. Richard Siegel, Direktor des Rensselaer Nanotechnology Center in Troy, New York, schätzt, dass den Nanoforschern durch derartige Kooperationen gut drei Milliarden Dollar Industriegelder pro Jahr zufließen – mehr als das Dreifache der öffentlichen Mittel.

Chancen auf solche Erfolge hätten auch die Europäer, glaubt Schlapbach. Der Schweizer soll für Gennesys Industriekontakte knüpfen. Über 50 große Firmen, vor allem aus der Chemiebranche, seien bei ihm zu ersten Gesprächen erschienen.