Internetkunst Schläge auf die Grafikkarte
Die Internetkunst emanzipiert sich von ihrem Medium und strebt ins Museum
Etwas muss passiert sein, wenn sich Taekwondo-Kämpfer und Fledermäuse nicht mehr bewegen wollen. Wir sind doch online! Als hätte jemand Abziehbildchen aus der Cornflakes-Packung in den Computer gestopft, kleben die Cartoon-Figuren auf dem Bildschirm, bunt zwar, aber leblos und starr – und auf der Zeitung im Hintergrund kleben die Buchstaben. Spielend könnte die Fledermaus, als rasende das Grau-in-Grau des vergessen machen. Doch sie hängt müde über dem Leitartikel.
Online Newspapers hat die russische Netzkünstlerin Olia Lialina ihr neues Werk genannt: eingescannte Zeitungsseiten, bevölkert von den Wiedergängern der Popkultur. Es ist ein melancholischer Rückblick auf vergangene Hoffnungen. Vor zehn Jahren entließen Universität und Militär das Internet in die Welt; Informationen schienen künftig schwerelos zirkulieren zu können, ungehindert von Dateiübergrößen und Copyright-Regeln. Zugleich lockten unvorhergesehene formale Möglichkeiten. Olia Lialina wurde 1996 mit ihrem Werk My Boyfriend Came Back From The War berühmt. Wer die Web-Seite besuchte, konnte sie per Mausklick in eine Vielzahl von Fenstern aufspalten. Mit jedem Fenster entfaltete sich ein Sprachfetzen – und so wirkte der Betrachter daran mit, ein Drama der Verständigung zwischen Mädchen und heimkehrendem Soldaten zu entfalten. Jemand schrieb damals an Lialina: »Ich habe noch nie zuvor eine Website gesehen, die mich in Tränen ausbrechen ließ.«
Die Künstler der »net.art«, wie sie bald genannt wurde, träumten den formalistischen Traum der Moderne. Ihre Programme schredderten Web-Seiten, putzten Bildschirme von innen und simulierten Systemabstürze. Vor allem aber träumten sie den Traum der Unmittelbarkeit. Sie organisierten sich über Newsletter, ihre Kunst verweigerte sich dem Museums- und Galeriebetrieb, der Kontakt zum Betrachter entstand ohne störende Zwischeninstanz. Diese Struktur, dachten die Künstler, war in sich selbst ein Kunstwerk. Die digitale Kunst, die ihren Ausgang genommen hatte von der Computergrafik der siebziger Jahre, schien bei sich selbst angekommen.
Inzwischen ist der Traum einer revolutionären Netzkunst vorbei; Olia Lialinas sanfte Poetisierung einer Zeitungsseite weist darauf hin. Geblieben sind Formen digitaler Kunst, die viel erzählen über das Internet, seine falschen Versprechungen und wahren Möglichkeiten. Natürlich ist die Netzkunst nicht »tot«. Sie hat nur ihre utopische Phase hinter sich. Immer noch entstehen Arbeiten, die ohne das Netz – seine offene Raumstruktur, den Datenstrom, die Gleichzeitigkeit – nicht funktionieren würden. Fast alle haben das gleiche Thema: den mal mehr, mal weniger gelingenden Austausch sprachlicher Botschaften. Die visuellen Spielereien hingegen sind vorbei.
Gerade die Netzkünstler der zweiten Generation knüpfen an die Tradition von Performance und Happening an. Ihnen geht es darum, bestehende Kommunikationsregeln zu durchkreuzen. Der Leipziger Franz Alken etwa hat in einjähriger Arbeit das Superbot- Gewinnspiel geschaffen. Besucher der Web-Seite können sich künstliche Identitäten zulegen, indem sie so genannte Bots erzeugen, Miniprogramme für die Reise durchs Netz. Jeder Bot ist darauf trainiert, Formulare und Namenslisten aufzuspüren, in die er sich dann einträgt, mit fiktiven Passwörtern, Geburtsdaten und E-Mail-Adressen. Alkens Programm ermittelt den Gewinner: denjenigen Bot, der die meisten Spuren im Netz hinterlässt.
Googlekunst oder Wenn die Suchmaschine Hochzeit macht
Auch heute noch versucht die Netzkunst, das Internet zur Heimstatt einer »Gegenöffentlichkeit« zu machen. Dem »Copyleft«-Konzept zufolge haben Urheberrechte im Netz nichts zu suchen. Doch längst ist das Netz verrechtlicht wie jeder andere gesellschaftliche Raum. In Berlin kam es deswegen im vergangenen Frühjahr zu einer bizarren Rechtsposse: Der Netzkünstler Sebastian Lütgert wurde von Jan Philipp Reemstma verwarnt, der die Rechte an zwei Adorno-Texten besitzt, die Lütgert auf seine Seite www.textz.com gestellt hatte. Weil Lütgert nicht rechtzeitig reagierte, wurde ein Gerichtsverfahren eingeleitet, es drohte Ersatzhaft.
- Datum 14.05.2008 - 06:55 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 31.12.2004 Nr.1
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