Mit dieser Frage werde ich gleich bei der Ankunft in meiner neuen Wohnung konfrontiert, nachdem ich den letzten Umzugskarton genauso gedankenlos im Zimmer platziert habe wie schon etliche zuvor. Beim Anblick der sorglos vollgestopften, halb geöffneten Taschen und Rucksäcke spiele ich gedanklich durch, wie in aller Welt ich Ordnung in dieses Durcheinander bringen soll.

Meine Entscheidung fällt Sekunden später. Eingebettet in T-Shirts, Socken und Handtücher lugt ein Buch aus einem Wäschebeutel hervor und wie auch immer der obligatorische Weihnachts-Wälzer dahingekommen sein mag, bin ich froh, ihn zu sehen. Alle innerlichen Diskussionen über das Für und Wider eines akkuraten Wohnraumes erübrigen sich damit. Ich verzichte auf Katalog-Optik und belasse alle Stolpersteine an Ort und Stelle. Wenn ich mich mit meiner frisch angelesenen Lektüre erst zum Bett durchgekämpft habe- so rede ich mir ein-, stehen mir die Sachen den Rest des Tages ohnehin nicht mehr im Weg.

Selten lösen sich Blick und Gedanken von der Geschichte, nur kurz plagt mich das schlechte Gewissen beim Vergleich des edlen, faltenfreien Buchcovers mit den zerknitterten Hemden. Schnell gehöre ich wieder den Romanfiguren, die mich an andere Dinge denken lassen als an Schubladen und Regale. Denn die kann ich auch später noch einräumen. Vielleicht nach der Zeitung am nächsten Morgen, die genauso zerknittert herumliegen wird wie meine Klamotten.

Gunnar Vogt