Wenn es ein Buch gegeben hat, das man als Bibel der außerparlamentarischen Opposition (Apo) bezeichnen kann, dann war es "der Agnoli", das heißt das Buch mit dem Titel Die Transformation der Demokratie, das 1967 erstmals erschienen ist. Dieses Buch haben damals sehr viele Studenten gelesen. Bis heute wird oft übersehen, dass von den knapp 200 Seiten nur ein Drittel vom Berliner Philosophen und Politikwissenschaftler Johannes Agnoli stammt, die beiden restlichen Drittel jedoch vom hannoverschen Sozialpsychologen Peter Brückner.

Über solche Details und über das Leben Agnolis insgesamt informiert jetzt vorzüglich die Biografie seiner Witwe. Barbara Görres Agnoli beansprucht nicht, das wissenschaftliche Werk und das akademische Wirken ihres Mannes zu beurteilen. Sie berichtet vielmehr über dessen Herkunft sowie über das vierzig Jahre lange Zusammenleben mit ihm. Agnoli stammte aus einer wohlhabenden Familie in Valle di Cadore in den östlichen Dolomiten. Als junger Mann hatte sein Vater in Argentinien unter anderem mit Alkoholschmuggel zu tun, absolvierte aber nach seiner Rückkehr ein Ingenieurstudium und wurde Gemeindesekretär in Cadore. Die Krise von 1929 und eine fällig gewordene Bürgschaft beraubten die Familie ihrer ökonomischen Grundlage.

1943 meldete sich der Italiener Agnoli freiwillig zur Wehrmacht

Johannes Agnoli wurde am 25. Februar 1925 geboren und wuchs in Belluno auf, wohin die achtköpfige Familie nach dem Bankrott umziehen musste. Bereits als Schüler wurde er Mitglied der faschistischen Jugendorganisation und verfasste als 17-Jähriger regelrechte Hymnen auf Krieg, Duce und Faschismus, den er als "Verteidiger der Kultur" anpries. Nach dem Abitur im Mai 1943 meldete sich Agnoli als Freiwilliger zur deutschen Wehrmacht, die ihn in den Krieg gegen jugoslawische Partisanen schickte. Im Mai 1945 geriet er bei Triest in englische Kriegsgefangenschaft und wurde in das ägyptische Lager Moascar verbracht. Im "Reeducational Work" betreute er den Philosophiekurs, den er mit Wilhelm Windelbands Philosophiegeschichte bestritt; so lernte er nebenher Deutsch.

Im Sommer 1948 wurde er entlassen und traf im September in Urach ein. Besonders wirksam war die Umerziehung in Ägypten offenbar nicht gewesen. Denn in einem Text mit dem Titel Frühjahrswind hoffte Agnoli immer noch, "dass der deutsche Wind wieder weht", hielt Freiheit und Gleichheit für verzichtbar und "eine Ordnung, die neue, die helle, die aufrichtige" für notwendig.

In Urach arbeitete er zunächst in einem Sägewerk, begann jedoch bereits im Dezember 1949 mit einem Kriegsteilnehmer-Stipendium das Studium in Tübingen. Erst im Mai 1955 wurde er eingebürgert. Er promovierte 1957 bei Eduard Spranger mit einer Arbeit über Giambattista Vicos Rechtsphilosophie und machte bei Theodor Eschenburg ein Examen in Politikwissenschaft, ohne je eine politikwissenschaftliche Veranstaltung besucht zu haben. 1957 trat er in die SPD ein, 1961 wurde er ausgeschlossen, weil die Mitgliedschaft im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) jetzt als unvereinbar mit der SPD-Mitgliedschaft galt.

1960 wurde er Assistent beim Politikwissenschaftler Ferdinand Alois Hermens in Köln, wo er die aus streng katholischem Hause stammende Barbara Görres kennen lernte. Deren Eltern intervenierten nicht nur bei Hermens wegen der Beziehung des Atheisten und Marxisten zu ihrer Tochter, sondern stellten eine Strafanzeige gegen ihn wegen "Unzucht mit Abhängigen". Sie zogen diese jedoch zurück, als Barbara Görres und Johannes Agnoli im Februar 1962 heirateten. Die Autorin zeichnet ein plastisches Bild der akademischen und gesellschaftlichen Sitten im Adenauer-Staat.

Nachdem die FAZ berichtet hatte, Agnoli habe auf einer Tagung die Anerkennung der DDR befürwortet, bekam er Schwierigkeiten mit seinem Chef Hermens. Agnolis Vertrag wurde nicht verlängert. Der ebenfalls aus der SPD ausgeschlossene Marburger Politikwissenschaftler Wolfgang Abendroth empfahl Agnoli Ossip Flechtheim vom Otto-Suhr-Institut in Berlin als Assistenten. Hier arbeitete Agnoli – nach der Habilitation 1972 als Professor – bis zu seiner Emeritierung 1991.