Sachbuch Hoch auf dem Seil
Michael Heinemanns »Kleine Geschichte der Musik«
Ohne Klang keine Stille. Und umgekehrt. »Eine genuine Fähigkeit der Musik ist, Klänge zu finden, deren Wert darin liegt, dass sie uns auch angesichts des Todes noch etwas zu bedeuten vermöchten. Sonst wäre das Ende der Musik das Ende der Welt«, schreibt Michael Heinemann in seinem Buch Klang und Stille, Kon- und Dissonanz, Leben und Tod sind die ehernen Eckpfeiler, zwischen denen er seinen roten Faden spannt. Ein dünnes, hohes Seil, möchte man meinen.
Und um das Ganze eine Musikgeschichte nennen zu können, spannt er es gleichzeitig chronologisch von der Wiege der abendländischen Welt bis heute. Strukturalisten nennen das Synchronie (die Analyse von Gleichzeitigem) und Diachronie (die Analyse von Entwicklungen durch die Zeit) – eine gewagte wissenschaftliche Kür. Doch Heinemann gelingt der Drahtseilakt.
Aus den Kapitelüberschriften macht er historische Thesen und Antithesen: Rationalität und Leidenschaft im 17. Jahrhundert, Kunst und Vermarktung im 18. Jahrhundert, Romantik und Klassizismus im 19.Jahrhundert, Historismus und Zukunftsmusik in der Mitte des 19. Jahrhunderts, Kunst und Wirklichkeit zur Jahrhundertwende. These und Antithese: Das riecht doch nach Historischem Materialismus? So kämpften aus Heinemanns Perspektive schon in der griechischen Antike Apollon und Pan gegeneinander. Ersterer, die Leier zupfend, ahmte mit den »reinen« Intervallen Prime, Quart, Quint und Oktave das Ordnungssystem der Himmelskörper nach. Pan, als Fleisch gewordene Antithese, vertrat mit der auch auf »unreine« Intervalle gestimmten Hirtenflöte hingegen das sinnliche und deshalb verderbliche Musizieren. Erst Aristoteles vermochte den Zusammenhang von Tönen und Gefühlen in einem neuen Ordnungssystem zu beschreiben und überführte damit das Prinzip Apollon und das Prinzip Pan in eine weiterentwickelte Synthese.
Eigentlich soll die Kleine Geschichte der Musik laut Klappentext die Zusammenhänge zwischen Musik und historischem Kontext untersuchen, doch wesentlich stärker ist sie eben in diesem ästhetischen Zugriff. Zu bemüht mutet die sozialgeschichtliche Bewertung musikalischer Phänomene an, wenn es im Kontext der Französischen Revolution etwa heißt: »Bürgerliche Revolution und Befreiungskriege wären ohne den Rückhalt einer Kultur von Männerchören und Gesangsvereinen kaum denkbar.« Spannend wird’s jedoch, wenn sich etwa die diachrone Analyse der Linien Beethoven–Wagner–Liszt und Beethoven–Brahms–Schönberg mischt mit der synchronen Analyse der Zeitgenossen Wagner und Brahms. Oder wenn Richard Strauss’ später Konservatismus während der NS-Zeit zum Ausdruck eines zerrissenen Mannes wird, der ästhetische (und politische) Entwicklungen um sich herum nicht mehr sehen wollte.
Dass sich Heinemann auf europäische Musik und ihre allseits bekannten Protagonisten konzentriert, ist kein Problem. Er muss dies tun, um seinem Anspruch gerecht zu werden, Ästhetik und historischen Kontext zu verbinden: Musik erhält ihre gesellschaftlich-historische Dimension erst, wenn wir sie kennen. Ein Phänomen bleibt allerdings unberücksichtigt: Im Zeitalter von LP und CD gewinnt der Interpret an enormer Bedeutung – jede neue Interpretation muss sich an den Referenzaufnahmen etwa von Solti, Harnoncourt oder Thielemann messen lassen. Ihnen wird eine nahezu kultische Verehrung zuteil, von der deren tonsetzende Zeitgenossen Henze, Rihm oder Eggert nur träumen können. Und auch die Popmusik als – wenn auch weniger ästhetische, so doch gesellschaftlich – immens bedeutende Bewegung findet kaum Eingang in die etwas saubere, weil oftmals hochkulturelle Analyse.
Doch soll Heinemanns Erfolg keineswegs geschmälert werden: die weitestgehend gelungene – und in der Literatur keineswegs geläufige – Verschmelzung von diachroner und synchroner Analyse der Musikgeschichte. Aus einer reinen Faktensammlung wird so ein historischer Bogen, dessen Ende offen ist: Musik hört nie auf, solange es Leben und Tod gibt. Hier bricht Heinemann mit dem Historischen Materialismus. Was gut ist. Denn sonst hätte die Musikgeschichte ja ein Ziel, quasi eine ewige Synthese als Nonplusultra. Und das wäre in der Tat das Ende der Musik.
Kleine Geschichte der MusikSachbuchMichael HeinemannBuchReclam2004Stuttgart8,80356- Datum 31.12.2004 - 13:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 31.12.2004 Nr.1
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