Was den Amerikanern ihre "Great American Novel", scheint für uns, seit nunmehr fünfzehn Jahren, der definitive "Wende-Roman". Die unsinnige Forderung nach einem solchen Zeitroman kommt zwar gute hundert Jahre zu spät, wird aber unermüdlich aufs Neue gestellt. Die Literatur taugt nicht mehr dazu, den Bericht über die Lage der Nation erzählerisch auszubreiten, auch wenn der eine und der andere Autor, in hemmungsloser Selbstüberschätzung, noch daran glauben sollte. Selbst ein Günter Grass hatte sich mit dieser Absicht auf seinem Weiten Feld sichtbar verirrt. Jetzt versucht Thomas Brussig, Urheber erfolgreicher deutscher Wende-Komik (Sonnenallee, Helden wie wir) noch einmal, deutsche Geschichte zu erzählen.

Sein voluminöser Roman Wie es leuchtet, in Worten sechshundertsieben Seiten stark, als "Walpurgisnacht" der Wende angekündigt, will tatsächlich die Zeit der Wende, die Jahre 1989/90, als Wendezeit festschreiben, also in einer Vielzahl von kleinen Geschichten, die in einer ziemlich ausgeklügelten Konstruktion letztlich aber doch etwas naiv miteinander verbunden sind, die Geschichte begreiflich machen. Eine Geschichte, die sich damals selbst in dem Wort der Wende, "Wahnsinn", begriffslos, ausgedrückt hatte.

Zu diesem hehren Zweck lässt er seine Figuren aus Ost- und Westdeutschland, aus Handel, Industrie, Politik, Kunst und Kultur und den Medien und nicht zuletzt aus der Hotelbranche, durch ein bald wiedervereinigtes und gründlich renoviertes und doch ebenso um alle Hoffnungen bereinigtes Deutschland schwirren. Der Starreporter eines bekannten Nachrichtenmagazins, ein gewisser Leo Lattke, spielt die westliche Hauptrolle. (Der Starreporter ebendieses Organs feierte daraufhin, wie zur Bestätigung der Brussigschen Satire, in seinem Blatt, zu Recht von dieser Figur angewidert und zu Unrecht stolz auf sie, die Rolle, die der Autor offenbar dem unseligen Vorbild abgeschrieben hat.)

Eine gewisse Lena, Physiotherapeutin, einst Opfer eines Kinderschänders und zur Zeit des großen Aufbruchs mit einem Protestsong populär geworden, gibt den weiblichen Widerpart aus dem Osten. Die junge Frau verkörpert die heile Rückseite eines unheilvollen Regimes: Sie soll so menschlich, integer, mutig und natürlich erscheinen, wie sich die DDR-Bürger sonntags, abseits aller Politik, in ihrer Datscha fühlten.

Viele wunderbare Episoden – aber es mangelt an Tiefe

Brussig entfaltet ein breites Panaroma. Die Stimmung der Zeit, auch die große Euphorie und, wenig später, die folgenden Enttäuschungen, das alles soll am Schicksal seines Personals ablesbar werden. Er verwendet die verschiedensten Stilmittel, von der Rollenprosa bis zum inneren Monolog, von der öffentlichen Rede bis zum Gedicht.

Doch die Breite ersetzt die Tiefe nicht. Das Berliner Palasthotel, der einzige Nobelschuppen, den die DDR aufzubieten hatte, dient als Drehscheibe der Handlung. Hier wohnen, arbeiten, begegnen sich die Akteure. Doch je mehr Menschen sich durch den Eingang drängen, desto deutlicher kippt der angestrebte große Roman in eine Sammlung von satirischen Episoden um. Darunter sind wahre Glanzstücke. Überhaupt liest sich das Ganze gut. Man liest es bis zum Ende gerne. Doch die Wirkung verpufft: So war es halt. Obwohl Lenas Bruder als junge, wilde, unverbrauchte fotografische Begabung aus dem Osten gefeiert wird, gewinnt die Erzählung kaum einmal Tiefenschärfe. Es reicht auch nicht aus, dass, wie bei Leo Lattke, das reale Vorbild der Figuren deutlich zu erkennen ist, von Gregor Gysi, Schalck-Golodkowski bis zu Volker Braun und Heiner Müller. Es bleibt: Oberfläche. Es fehlt: Geschichte.

Bei ähnlich ambitioniert angelegten Unternehmungen, etwa Jonathan Franzens Roman Korrekturen, scheint wenigstens noch eine historische Entwicklung durch die Biografien der Protagonisten hindurch. Brussig beschränkt sich auf den Ausschnitt: die (damalige) Gegenwart. Er bleibt an der Oberfläche. Sein Fotograf beklagt: "Es gibt kein Buch, in dem die Erfahrungen jener Zeit für alle gleichermaßen gültig aufbewahrt sind, so wie Im Westen nichts Neues die Erfahrungen der Frontsoldaten des Ersten Weltkriegs versammelte." Die Klage, siehe oben, ist verständlich. Doch schon Walter Benjamin hielt Remarque vor, dass die Soldaten des Ersten Weltkriegs ohne Erfahrungen aus den Materialschlachten heimgekehrt waren. Was sie erlebt hatten, sperrte sich dem Begreifen. Deshalb: das schöne Wort vom – "Wahnsinn".