Als der Bus endlich an dem Versuchsfeld im indischen Bundesstaat Gujarat ankommt, ist Klaus Becker nicht mehr zu bremsen. Schon die Fahrt von der Hauptstadt Bhavnagar zum Weiler Chorvadla verbrachte der Direktor des Instituts für Tierproduktion in den Tropen und Subtropen an der Universität Hohenheim wie auf Kohlen. In einem fort erklärte er die Vorzüge einer Pflanze, von der er glaubt, sie könne Millionen armer indischer Bauern ertragreiche Ernten bescheren - und sie könne einen großen Teil des schnell wachsenden Energiebedarfs des Milliardenvolks decken - und sie sei im höchsten Maße umweltfreundlich.

Becker springt als Erster aus dem Bus. Er ignoriert den Monsunregen, stapft durch das Ödland, dessen dünne Erdschicht sich in glitschigen Schlamm verwandelt hat. Liebevoll betrachtet er die Pflanzen, die hier trotz Erosion prächtig gedeihen. Sein Forscherherz schlägt für Jatropha curcas, den giftigen Purgiernussbaum, ein Wolfsmilchgewächs, dessen Frucht bei uns auch Brechnuss genannt wird. Jatropha ist mehr Strauch als Baum und kann bis zu drei Meter hoch wachsen. Becker streichelt die efeuförmigen Blätter, fasst nach den grünlichen Blüten, die in Doldentrauben zusammenstehen. Er zeigt, welche der Sträucher gesät und welche gesetzt worden sind. Jede Pflanze ist sein Baby.

In Afrika werden Straftäter mit einem Glas Jatrophamilch hingerichtet

Und jede einzelne dieser Pflanzen wird in den kommenden Jahren genau beobachtet. Denn die Sträucher sind auf höchst unterschiedliche Weise gepflanzt worden. Es gilt zu erforschen, wie der größte Ertrag erbracht werden kann, in welchem Abstand die Sträucher stehen müssen, wie sie am besten veredelt, in welchem Maße gedüngt, wie stark sie bewässert werden sollen - damit es lohnt, sie millionenfach anzupflanzen. Obwohl Jatropha eine noch wenig erforschte Wildpflanze ist, die bisher vor allem in Afrika wächst, macht Becker bereits eine kühne Hochrechnung auf: Würden in Indien 30 Millionen Hektar Land mit Jatropha bepflanzt, könnten 40 Prozent des gegenwärtigen Bedarfs an Diesel auf dem Subkontinent gedeckt werden.

Einige Purgiernüsse hat er mitgebracht. Er knackt sie, zeigt auf das helle Fruchtfleisch, das bis zu 60 Prozent fettes Öl enthält, weit mehr als Raps (40 bis 44 Prozent). Das Öl ist bereits erfolgreich zu Biodiesel umgewandelt worden. Ein umgerüsteter Mercedes der C-Klasse wurde mit Jatropha-Methylester betankt, welcher der europäischen Norm für Biodiesel EN 14214 entspricht, rußfrei und geruchsarm verbrennt. Fast 6000 Kilometer tourte der Jatropha-Benz durch Indien. Das Problem, das auch durch Biodiesel aus Rapsöl entsteht, bleibt: Die Motordichtungen werden stark angegriffen, teure Umrüstungen sind vonnöten.

Die von Becker initiierte Forschung an der exotischen Pflanze wird von DaimlerChrysler gefördert. Der Automobilkonzern will, wie der mitgereiste PR-Chef Michael Inacker nicht müde wird zu betonen, seiner Corporate Social Responsibility, seiner gesellschaftlichen Verantwortung, nachkommen und Umweltschutz und Entwicklungshilfe betreiben. Das Engagement erstaunt: Es werden nicht gerade viele Mercedes-Modelle in Indien verkauft. Im Gegenteil: 60 bis 70 Prozent der Autos auf dem rasant wachsenden Megamarkt sind Klein- und Kleinstwagen. DaimlerChrysler verkauft dort in diesem Jahr 1500 Neuwagen und wäre froh, wenn es im kommenden 1800 sind.

Der Konzern setzt mit der Jatrophaforschung etwas fort, was er vor über einem Jahrzehnt in Brasilien begann. Im Amazonasdelta kaufte er die Produkte von Bauern, die den Regenwald nicht abholzten, sondern ihn nutzten. Es waren vornehmlich Naturfarbstoffe und Kokosfasern, Letztere zur Herstellung von Sitzen. Seither hat sich der Konzern das Konzept der Nachhaltigkeit auf die (Werbe-)Fahne geschrieben.