Es war vor fünf oder sechs Jahren, noch auf dem Höhepunkt der New Economy, da wurde ein Kongress der werbetreibenden Wirtschaft mit einem feierlichen Konzert eröffnet. Vier Musiker nahmen im Halbkreis auf dem Podium Platz. Es war aber kein Streichquartett. Sie nahmen nicht Violine, Viola und Cello zur Hand, sondern vier kleine schwarze Notebooks auf den Schoß, mit denen sie zu musizieren begannen, derweil auf einer Leinwand über ihnen anmutige Grafiken im Takt die Farben und Formen wechselten. Es war ein sehr nettes, ein sehr konventionelles Konzert. Stilistisch changierte es zwischen Lounge und Minimal Music. Das Publikum raste.

Medienmanager träumten von einer Ware namens "Content"

So stellte man sich damals, auf dem Höhepunkt der New Economy, die digitalisierte Zukunft vor. Alles sollte neu werden und gleichzeitig das Alte bleiben. Das Publikum durfte sich wundern, aber nicht erschrecken. Es war so ziemlich das Gegenteil von dem, was weitere zwanzig oder dreißig Jahre zuvor die avancierten Komponisten mit dem Einsatz elektronischer Datenverarbeitung erreichen wollten. Die Computer waren seinerzeit zwar weit davon entfernt, anmutig auf den Knien balanciert zu werden, sie füllten vielmehr ganze Schränke, erzeugten aber nie gehörte, borstige, haar- und ohrensträubende Klänge.

Mit einem gewissen Willen zur boshaften Verallgemeinerung könnte man den Weg, den die computergestützte Kunstproduktion in den letzten Jahrzehnten zurückgelegt hat, als Weg von der avantgardistischen Provokation zur kommerziell gezähmten Standardanwendung beschreiben. Nirgendwo lässt sich das besser beobachten als im Kino, wo die ersten Video- und Bildbearbeitungstechniken noch zu kalkulierten Verfremdungseffekten genutzt wurden, während die fast perfekte Computeranimation heute nur mehr zur Ausschmückung altbekannter Plots zu dienen scheint.

Die virtuelle Realitität, die der Rechner täuschend echt auf die Leinwand zaubern kann, wurde sogar noch im ersten Matrix- Film als bedrohlicher Kern der Handlung reflektiert. Das Medium der Computersimulation war so aufregend, verstörend und neu, dass es danach schrie, im Film selbst zum Thema gemacht zu werden. MatrixII und III dagegen steigerten zwar die Effekte noch einmal gewaltig, bedienten sich ihrer aber schon mit einer gewissen blasierten Müdigkeit; die Handlung sank erschöpft zurück in die alten Muster des Agenten- und Weltverschwörungsfilms.

Ähnliches lässt sich überall in den Künsten beobachten, die sich seit den späten sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts für die elektronischen Medien begeisterten. Heute gibt es schon bildende Künstler, die Computerinstallationen und Videoperformances für ästhetisch verbraucht und kommerziell diskrediert halten und das Tafelbild als Medium gesellschaftlicher Subversion wiederentdecken. Installationen, wenn sie von Jüngeren noch gemacht werden, bekommen einen Zug ins Gebastelte, Laubgesägte, jedenfalls deutlich Dilettantische, das sich möglichst weit von den perfekten Oberflächen entfernt halten will, die das elektronische Equipment möglich macht.

Die sonderbarste Dialektik zeigt sich in der Architektur. Die Gebäude, die von der berühmten Irakerin Zaha Hadid oder von manchen schrillen Japanern unter Einsatz avanciertester Software entworfen werden, sehen aus wie einsturzgefährdete Baracken oder gefährlich in die Höhe geschichtete Sperrmülltürme, sie stehen nach Möglichkeit schief oder wirken unfest und weich, als seien sie aus Knete. Die rechnergestützte Konstruktion dient hier der Dekonstruktion, der gesuchte ästhetische Effekt ist die Instabilität, die existenzielle Gefährdung. Die Botschaft, die das Medium der Zukunft herzustellen hilft, ist die Angst vor der Zukunft, zumindest Misstrauen in jene mathematische Ordnung der Dinge, auf der doch die eingesetzten Computerprogramme beruhen.

Die Ernüchterung, die in alldem steckt, ob sie nun offensiv formuliert wird oder sich hinter dem Rücken der Künstler herstellt, hat etwas mit dem Zusammenbruch der gewaltigen Theoriegebäude zu tun, die mit der neuen Technik aufkamen. Was wurde da nicht alles gefabelt! Vom Untergang der Wirklichkeit und dem Aufstieg künstlicher Welten, die bald von der Realität nicht mehr zu unterscheiden sein würden. Vom Ende des Subjekts, das seit Nietzsche zwar immer wieder prophezeit worden war, nun aber in sein definitives Stadium treten sollte. Von der Auflösung aller hierarchischen Ordnung in ein organisch wucherndes, moralisch und logisch befreites Chaos. Von der Verflüssigung alles ehemals materiell Gebundenen in einen einzigen Datenstrom, ob Musik oder Malerei oder Literatur, ob ursprünglich von einer Geige, einem Pinsel oder einem Bleistift stammend.