Berliner AusblickEin hoffnungsvoller Fall

Das politische Horoskop 2005: Weshalb Gerhard Schröder glaubt, er könne nicht mehr verlieren. Und warum Angela Merkels Stern sinkt von 

Berlin

Sie sind von ganz unten gekommen. Es gab schwarze Momente, in denen Gerhard Schröder glaubte, es gehe nicht weiter mit seiner Koalition, oder er jedenfalls werde gehen müssen. Doch den Krieg um den Irak-Krieg und sein "Nein" hat er nicht nur überlebt, vielmehr wird George W. Bush im Februar während seiner Europa-Goodwill-Tournee einen deutschen Kanzler antreffen, der keineswegs verlegen und betreten wirken wird. Und das, obwohl Schröder sich vor zwei Jahren, Anfang 2003, in Isolierungsgefahr und unmittelbar am Abgrund sah.

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Sein schwierigstes innenpolitisches Jahr seit 1998 hat Schröder hinter sich, in dem sich alles zu einem einzigen gewaltigen Anti auftürmte. Warum tue ich mir das an?, hat er oft gefragt, und dann von seiner dreijährigen Tochter aus Petersburg, Viktoria, geschwärmt. Gegen die Wand, Film des Jahres: Das klang wie ein Menetekel für die rot-grüne Koalition. Angela Merkel hatte gut Lachen, ihren Präsidenten Horst Köhler hatte sie installiert, die Union hatte bereits gesiegt. Jetzt jedoch kehren Normalzeiten ein. Nichts ist geklärt. Die Erschöpfung der Regierenden ist zwar geblieben, in den Kinos lief erfolgreich der witzige und zugleich programmatische Film Die fetten Jahre sind vorbei. Aber in das politische Jahr 2005/ 2006 und die beginnende Machtauseinandersetzung gehen Schröder und seine Koalition dennoch ähnlich wie Jürgen Klinsmann in die WM-Vorbereitung, befreit, als finge alles noch einmal an.

In das Berlin-Tagebuch notierte man kürzlich: Soeben hat erstmals jemand aus der Unionsspitze laut darüber nachgedacht, es könne Angela Merkel die Kanzlerkandidatur 2006 kosten, wenn die Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen für die CDU verloren gingen. Der Fall "Strom-Meyer", der harmlos anfing, aber Instinktlosigkeit verriet, obendrein die Zögerlichkeit der Parteivorsitzenden, ihre Unfähigkeit, einen klaren, raschen Schnitt zu machen – Trennung vom Generalsekretär, der ohnehin nie General war – das alles fügt sich unvermittelt zu einem tristen Gesamtbild der Opposition.

Dagegen der Kanzler: Er kann, wie er das als nüchterner Rechner sieht, nicht mehr wirklich verlieren. Acht Jahre? Helmut Kohl wurde durch die Einheit gerettet, sie verhalf ihm zu 16 Jahren; Helmut Schmidt mit seinen acht Jahren ist das Normalmaß. Nach acht Jahren gehe er, hatte Schröder schon angekündigt, als die erste Wahl noch nicht gewonnen war. Später wünschte George W. Bush ihn unverhohlen weg, lang ist das noch gar nicht her, und nun gilt er plötzlich als einer der respektierten europäischen Stammesältesten.

Schröder genießt und schmaucht. "Aller guten Dinge sind drei", das machen er und sein Vize sich zum Motto. Beginnen könnte eine Trendumkehr, wenn die Parteifreundin Heide Simonis am 20. Februar in Kiel als Ministerpräsidentin die gewünschte Bestätigung bekäme und wenn gar am 22. Mai auch Peer Steinbrück sich in Düsseldorf mit seiner Koalition durchsetzte. Beides rückt in greifbare Nähe.

Edmund Stoiber hat von "Leichtmatrosen" an der Spitze der CDU gesprochen, Wolfgang Schäuble vom "verlorenen" Jahr und Volker Rühe vom "Traditionsbruch" in der Türkeipolitik. Das geht als Ohrwurm so leicht nicht mehr weg. Arbeitet Angela Merkel für sich oder für ihre Partei und die Republik? Diese bohrende Frage ist jetzt definitiv in der Welt. Sie wird kleben wie Pech.

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  • Schlagworte Wahlkampf | Wahl | Außenpolitik
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