Wie war das noch? Sind Sie in Cannes auf dem Teppich geblieben?
Hans Weingartner, 34, war im Mai mit seinem Film »Die fetten Jahre sind vorbei« in Cannes
DIE ZEIT:Die fetten Jahre sind vorbei war seit elf Jahren der erste deutsche Film, der nach Cannes eingeladen wurde. Wie ist das: Rufen Schlöndorff und Wenders an und gratulieren?
Weingartner: Ach, nein, ich glaube nicht, dass die meine Nummer haben. Der Zusammenhalt unter uns Regisseuren in Deutschland ist ja leider sehr schlecht.
ZEIT: Der Film erzählt die Geschichte von drei jungen Revolutionären, die in Villen einbrechen, dabei zwar nichts stehlen, aber Drohbotschaften hinterlassen wie zum Beispiel: »Sie haben zu viel Geld«. Wie hat es Ihnen denn in Cannes gefallen?
Weingartner: Es war natürlich zuerst einmal sehr surreal: Wie wir da über den Teppich laufen, tausend Fotografen schreien, und ein Pressebetreuer robbt auf Knien vor uns her, um zu zeigen, wohin wir uns drehen sollen. Man steigt eine Treppe empor wie in einer Kathedrale, und oben steht der Bischof, der Festivalleiter mit seiner Frau, und man wird in die Halle geleitet. Andererseits waren wir total euphorisch und haben uns voll die Kante gegeben. Entweder man macht Cannes mit, oder man bleibt zu Hause. Als Partykiller rumzulaufen hätte ich blöd gefunden. Die 15 Minuten Standing Ovations nach dem Ende des Films waren schließlich erst seine eigentliche Geburtsstunde. Das hatte es in Cannes noch nie gegeben. Wir saßen in der Mitte des Saales, ungefähr in der 20. Reihe, mit Beinfreiheit, und überall um uns herum sind die Leute aufgestanden. Wir haben uns gefühlt wie Rockstars.
ZEIT: War Ihnen Ihr Publikum sympathisch?
Weingartner: Wer mir zu verstehen gibt, dass er meinen Film mag, ist mir grundsätzlich symphatisch. Sicher waren das auch Leute, die hinterher mit der S-Klasse nach Hause gefahren sind, und im Film mussten sie mit ansehen, wie so ein Mercedes zerkratzt wird. Das hat mir Spaß gemacht: Wir sind dahin gefahren und haben unsere Botschaft hinterlassen wie die Protagonisten im Film. Ich habe mich gefühlt wie Christoph Schlingensief.
ZEIT: Ihr Film lief zufällig am gleichen Abend wie Michael Moores Fahrenheit 9/11. Hat es Sie geärgert, dass Moore Ihnen Aufmerksamkeit stahl?
Weingartner: Nein. Ich habe mich geehrt gefühlt, empfand es wie eine höhere Fügung. Michael Moores Arbeit ist eine riesige Inspiration für mich. Seine Aktionen sind mir sympathisch. Ich glaube, dass sein Film etwas bewirkt hat, dass er wenigstens ein paar Wählerstimmen für die amerikanische Opposition gewonnen hat. Das Schlimmste für mich in diesem Jahr war die Wiederwahl von Bush.
ZEIT: Wann genau fiel denn Ihr Entschluss: Ich muss jetzt einen politischen Film machen?
Weingartner: Das wuchs so vor zwei Jahren. Und reichte noch in dieses Jahr hinein: Ich hätte Hardenberg, den Reichen im Film, nie zum Topmanager gemacht, wenn die Ackermann-Esser-Geschichte nicht gewesen wäre. Die verdienen das Zweihundertfache ihrer Angestellten, werden wegen horrender Abfindungszahlungen angeklagt und grinsen dazu frech in die Kamera, so sicher fühlen die sich. Dagegen muss man was tun. Subversive Aktionen haben mir schon immer Spaß gemacht. In England gibt es eine Gruppe, die blockiert Autobahnen, pflanzt einen Baum drauf und haut wieder ab. Oder die Langsamfahrer, die auf der Autobahn 30 fahren, bis sich alles staut. Fernsehstationen lahm legen! Ich überlege mir immer, wie man diese Satelliten ausschalten kann.
ZEIT: Glauben Sie wirklich, es finden sich Menschen, die so etwas machen?
Weingartner: Ja. Die Neunziger waren bestimmt durch das konservative Roll-back nach den wilden Siebzigern und Achtzigern. Jetzt kommt wieder eine Phase der Gerechtigkeit und des Widerstands. Da spielt natürlich auch der Irak-Krieg eine Rolle. Viele haben die Schnauze voll von dem, was Amerika verkörpert: dem Turbokapitalismus, dem Neoliberalismus. Wenn das ein richtiger Trend würde: Sieben Millionen Jugendliche fangen an, in die Villen der Reichen einzubrechen. Da wäre was los.
ZEIT: Für Sie selbst sind nach Cannes erst mal die fetten Jahre angebrochen.
Weingartner: Mit dem, was an Geld reinkommt, werde ich weiterhin kritische Filme machen. Ich sehe mich als U-Boot in der Matrix.
Interview: Matthias Stolz und Isabel Völker
- Datum 14.11.2007 - 08:29 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 31.12.2004 Nr.1
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