Die Naturkatastrophe hat aus Feinden Partner gemacht, wenigstens auf kurze Zeit: Über 80.000 Menschen sind nach jüngsten Schätzungen in der indonesischen Provinz Aceh im Nordwesten Sumatras der mörderischen Flutwelle zum Opfer gefallen. In der größten Not haben die indonesischen Regierungstruppen und die Rebellen der Unruheprovinz einen Waffenstillstand geschlossen. Die Soldaten wandelten sich in Rettungshelfer.

Seit Jahrzehnten schwelt an diesem Rand Indonesiens ein von der Welt vergessener Bürgerkrieg. Nachdem im Mai 2003 Friedensverhandlungen scheiterten, startete die indonesische Regierung eine erneute Militäroffensive. Seitdem kämpfen schätzungsweise 50.000 Regierungssoldaten gegen 5000 Rebellen der „Bewegung freies Aceh“, (GAM). Seit Beginn der Offensive starben über 2000 Menschen, insgesamt wurden in dem Konflikt, der 1976 ausbrach, 14.000 Menschen getötet.

Ziel der Rebellen ist die vollständige Unabhängigkeit von Indonesien. Weitreichende Autonomieangebote der Regierung lehnen sie ab, sie fordern einen eigenen islamischen Staat mit der Scharia als Verfassung. Aber in der indonesischen Hauptstadt Jakarta wird man dieser Forderung kaum nachgeben: Denn anders als das in den siebziger Jahren völkerrechtswidrig annektierte Osttimor ist Aceh seit der Befreiung von der holländischen Kolonialherrschaft fester Bestandteil des indonesischen Staates.

Und: Die Region ist reich an Öl und Gas. Lange flossen die Einnahmen aus den Rohstoffenquellen direkt nach Jakarta, die 4, 3 Millionen Menschen, die in Aceh leben, hatten kaum etwas von dem wirtschaftlichen Aufstieg Indonesiens. Erst spät wurde ein Autonomiegesetz erlassen, das der Provinz die Hälfte der Einnahmen aus dem Rohstoffgeschäft ließ. Doch die GAM war damit nicht zufrieden und kämpfte weiter.

Die Armee profitiert von dem Konflikt: sie schützt die Gasförderanlagen von Exxon Mobil und lässt sich diesen Service mit mehreren Millionen Dollar pro Jahr bezahlen. Der Konflikt verschlimmerte die Folgen der Flut: Erst spät erreichte internationale Hilfe die Katastrophengebiete, weil die Regierung in Jakarta tagelang zögerte, die Einreisebestimmungen für Ausländer zu lockern. Dazu kommt, dass schon vor längerer Zeit internationale Hilfsorganisationen aus der Provinz gewiesen wurden – diese fehlen den Helfern jetzt als Anlaufstationen.