DIE ZEIT: Zum Beginn der Katastrophenhilfe wollten gleich zwei Gruppierungen die Hilfsarbeiten koordinieren: die Vereinten Nationen und eine von den USA geführte "Kerngruppe" von Ländern. Hat diese Kompetenzverwirrung die Hilfen verzögert?

Egeland: In Wahrheit ist das nie ein Problem gewesen, obwohl es vielleicht optisch unschön war. Ich habe selber an all den Telefonkonferenzen mit der so genannten "Kerngruppe" teilgenommen, die wir jeden Abend um 10 Uhr führen. Gestern Abend haben die Ländervertreter einfach nur noch gefragt: Was können wir tun, damit die UNO Erfolg hat? Was können wir beitragen? Ich habe dann eine Wunschliste mit zwölf dringenden Punkten vorgelesen, und alle haben sich umgehend zurückgemeldet und mitgeteilt, was sie liefern können. Die USA zum Beispiel konnten die Helikopter beisteuern. Aus Indien und Australien bekamen wir zusätzliche Hilfe beim Erreichen von Orten, die bisher noch keine Hilfe bekommen hatten.

ZEIT: Sie sprechen da zum Teil von militärischen Operationen, allen voran Kommandos der USA. Die Befehlsgewalt darüber bleibt freilich fest in den Händen der jeweiligen Mitgliedstaaten.

Egeland: Ja. Es läuft so: Die suchen inzwischen aktiv unseren Rat, was sie tun sollen, und außerdem den Rat der Regierungen und Organisationen vor Ort. Die UNO könnte ihre Hilfe nicht ohne diese Unterstützung leisten, die vom Militär und die von der Zivilgesellschaft. Inzwischen sind 40 bis 50 Geberländer beteiligt und einige hundert Hilfsorganisationen, allein in Aceh sind 58 Gruppierungen vor Ort. Es läuft hervorragend, gerade auch die Zusammenarbeit mit den USA. Ich würde das fast als modellhaft bezeichnen.

ZEIT: Bei aller guten Zusammenarbeit ist es kein Geheimnis, dass das Weiße Haus und der Kongress große Vorbehalte gegenüber den Vereinten Nationen haben. Die anfängliche Distanz der USA zu den UNO-Hilfen und die Gründung ihrer "Kerngruppe" zeugte nicht gerade vom Vertrauen. Haben die USA jetzt ein Vertrauen zurückgewonnen, oder sind sie angesichts der gewaltigen Aufgabe kleinlauter geworden?

Egeland: Ich würde von Realismus sprechen. Die Vereinten Nationen brauchen die USA und all ihre Ausstattung. Die USA brauchen die Vereinten Nationen als die internationale Organisation, die Organisationsfähigkeit besitzt und Legitimität, um alle Aspekte der internationalen Gemeinschaft zusammen zu bringen.