Der stellvertretende UN-Generalsekretär Jan Egeland sprach von einer Katastrophe, die "jenseits der Vorstellungskraft" liege. In der Tat sind die Zahlen der Opfer nach dem Seebeben im Südasien schrecklich: mehr als 100 000 Tote werden vermutet. In Indien, wo fast 11 000 Tote zu beklagen sind, kommentiert The Times of India pragmatisch: "Jetzt müssen wir zunächst klären, welche Hilfe die Opfer brauchen. Gelder für Essen und Medikamenten sind zunächst das Wichtigste. Doch finanzielle Hilfe ist nur der Anfang. Sollte es nicht angemessen eingesetzt werden, kann sie das Chaos verstärken." Die französische Tageszeitung Le Monde weist auf die Kluft zwischen den Versprechen der Länder und der Realität hin: "Es besteht kein Zweifel darin, dass die NGOs ihr Wort halten werden. Aus Erfahrung wissen wir jedoch, dass es mit den Regierungen und internationalen Organisationen anders steht. Von der einen Milliarde Dollar, die nach dem Erdbeben von Bam im Dezember 2003 dem Iran versprochen worden war, sind nur 17 Millionen - ein Jahr später - angekommen. Man soll gegenüber Effekthascherei misstrauisch bleiben." Hätte man in Europa von dieser Katastrophe so viel gesprochen, wenn kein Europäer unter den Opfer gewesen wäre? Diese Frage beschäftigt auch die Pariser Zeitung: "Dass viele Katastrophengebiete touristische Ziele für Wohlhabende vom Nord-Hemisphäre waren, hat eine ungewöhnlich hohe Aufmerksamkeit erzeugt. Egoismus spielt eine Rolle in der Bedeutung, der die Medien dem Ergebnis beimessen. Wäre die Präsenz in den westlichen Medien ohne die Hunderten schwedischen, britischen, deutschen und französischen Opfer so groß gewesen?" Die flämische Zeitung "De Morgen" behandelt das Thema kritischer: "Die Hunderten vermissten Europäer, deren belgische, niederländische, französische oder schwedische Verwandte verzweifelt auf ein Lebenszeichen warten, sind ein Teil der Geschichte, der seinen Platz braucht. Aber im Lichte des Umfangs der Katastrophe ist es doch nur eine Nebengeschichte. Trotzdem galt gestern bei ziemlich vielen Medien die ungetrübte Egozentrik als journalistische Regel. (...) Neu ist die Tendenz zum Dorfjournalismus nicht. Auslandsseiten sind ein Kuriosum geworden, Auslandsredakteure eine ausgestorbene Art, die wenigen Qualitätszeitungen eine Ausnahme. Aber das Missverhältnis zwischen uns und dem Rest der Welt ist durch das Ausmaß dieser Katastrophe noch nie so groß und deutlich gewesen." Die Italienische Zeitung "Corriere della Sera" interessiert sich für die politischen Folge des Seebebens: "Auch Naturkatastrophen sind politische Ereignisse. Auch wenn die Frage kalt und weit hergeholt erscheinen mag, muss man darüber nachdenken, welche Folgen die Katastrophe haben wird, welche die asiatischen Küsten getroffen hat. Wird sie die Regierungen der betroffenen Länder in Frage stellen? Wird sie die Wut der Staaten der Dritten Welt über das kapitalistische Modell anheizen, das viele von ihnen übernommen haben? Wird sie da (...), wo der Islam stark präsent ist, die Zellen des islamischen Fundamentalismus stärken? Werden wir nach der übergroßen Welle auch eine politische Welle gegen die Globalisierung und den Westen haben?" Auch die Londoner "Financial Times" sieht die Katastrophe als Herausforderung für die Regierungen der asiatischen Länder: "Die Behandlung des Desasters bedeutet für die Regierungen der Regionen ein gewaltiger Test, nicht nur, weil manche von den am stärksten betroffenen Gebieten – vor allem Sri Lanka und die Aceh-Provinz – Teil der schlimmsten Guerillas-Konflikte in Asien sind. Es klingt naiv zu hoffen, dass die Tragödie ein Katalysator für den Frieden sein könnte, aber es ist lebensnotwendig für die sich bekriegenden Teile, dass sie nun kooperieren. Es gibt dafür Anzeichen in Sri Lanka, wo die Tamilen Rebellen stationiert haben, die nun mit der Armee kooperieren, um Menschen zu evakuieren. Indonesien hat eine vorübergehend Unterbrechung der Anfeindungen mit den Separatisten in Aceh gefordert."Der Jakarta Post aus Indonesien geht ein Schritt weiter und will in der Kooperation zwischen den Separatisten und der indonesischen Regierung den Beweis sehen, dass das Volk einig sei: "Die Unmittelbarkeit der Reaktionen hat gezeigt, dass sich das Volk trotz der Unterschiede innerhalb unserer Nation im Herzen einig ist. Die alltäglichen politischen, ethnischen und religiösen Feindseligkeiten wurden vergessen, als das Leid der Bevölkerung in Aceh und Nord Sumatra eine nationale Aufgabe wurde."Weniger freundlich gegenüber der Regierung ist "The Indian Express", sie schreibt: "Indien ist Sonntag als Nation gescheitert" und stellte dazu"sechs Fragen, die ohne Antwort bleiben". Die letzte lautet: "Wenn die Menschen nicht vor einem Tsunami gewarnt werden können, können wir die Regierung und die Verwaltung dann trösten, wenn nukleare Bedrohungen aus dem "rogue State" kommen?"