Stockholm Für Schweden war Thailand zum neuen Mallorca geworden. Nun hat das skandinavische Land besonders viele Opfer unter den Touristen zu beklagen. Derzeit werden nach offiziellen Angaben etwa 2000 Schweden vermisst. In einem Land von neun Millionen Bürgern wären das 0,2 Promille der Bevölkerung – umgerechnet auf Deutschland, mehr als 16 000 Menschen.

Schweden hat wenig Erfahrung mit Katastrophen. Der letzte Krieg endete 1809. Doch eine Ausnahme gibt es: den Untergang der Ostseefähre Estonia im Jahre 1994; die meisten Opfer waren schwedische Passagiere. Das Fährunglück ist bis heute nicht verwunden, und daran tragen auch die Behörden Schuld, die fast alles falsch gemacht hatten, von der Ursachenforschung bis zum Umgang mit den Toten. Damals ließ sich wenigstens noch einwenden: Auf so etwas war das skandinavische Idyll nicht vorbereitet. Doch jetzt, beim zweiten Mal, gilt das nicht mehr.

Umso mehr erregt es viele Schweden, dass Politik und Behörden spät und widersprüchlich reagierten. Es mangelte an Koordination, an Information und wohl auch am Willen. Die Außenministerin Laila Freivalds besuchte am Abend des Katastrophentages eine Theatervorstellung in Stockholm. Ihr Ministerium schien wie gelähmt. Und eine stolze Zahl von 370 Behörden mit eigenständigen Oberhäuptern fühlten sich mal mehr, mal weniger angesprochen. Oder vielleicht auch gar nicht. Es könnte ja jemand anders die Initiative ergreifen. Ministerpräsident Göran Persson blieb zunächst einmal unsichtbar und beharrte, als er schließlich auftauchte, auf "offiziell bestätigten" einstelligen und niedrigen zweistelligen Opferzahlen. Hilferufe und Medienberichte offenbarten da längst ganz andere Dimensionen. Hätte man auch anders handeln können?

Ja. Siehe Italien, wo Flugzeuge, die von Touristen nach Thailand gebucht worden waren, einfach für den Transport von Hilfsmaterial requiriert wurden. Siehe Finnland, den Nachbarn, wohin die ersten Rettungsflugzeuge schon zurückkehrten, noch bevor aus Schweden welche gestartet waren. Jetzt ist die Wut der Schweden, ansonsten für Langmut und Nachsichtigkeit bekannt, riesengroß. Sie verschafft sich Luft, zunächst in E-Mails und Leserbriefen, doch was kommt danach?

Die Regierung wird ein Problem bekommen. Die Natur ist gewaltsam; im dünn besiedelten Schweden weiß man das. Aber gerade deswegen fragen sie sich auch: Wo waren die Entscheider, die entschlossen handelten, die Vertrauen verbreiteten? Eher kam der Eindruck auf, die Regierung wolle beschwichtigen. Als ginge es um ein besonders heikles Paket der Tagespolitik. Die angesehene Ärztin und ehemalige WHO-Chefin Christina Doctare fordert jetzt einen nationalen Rat für Krisensituationen, als Abhilfe gegen "totale Nacktheit, abgeschälte Mitmenschlichkeit und kurzsichtige Führung".

Im durchorganisierten Schweden wird an alle und alles gedacht. Auch daran, die Entscheidungskompetenz nachgeordneter Behörden nicht zu beeinträchtigen, wenn nationale Krisenübungen durchgespielt werden. Sogar die Regierung nimmt an solchen Übungen nur als "Beobachter" teil. Vielleicht war auch das ein Grund, weshalb der Apparat die Konfrontation mit der brutalen Wirklichkeit nicht aushielt. Nun also wieder ein Trauma. Es ist mit Angst gemischt: Wie hilflos werden wir sein, wenn das nächste Unglück eintritt?

Der Autor ist freier Journalist in Stockholm