nachruf Eine Frau, die das Meer pflügte

Die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag ist gestorben. Ihre Essays, Reden und Romane waren ein einziges, kritisches, liebendes »Dennoch«

Wenn ein Freund stirbt – und Susan Sontag war ein enger Freund –, dann fragt man sich, aufschreiend: Was war das Besondere an diesem Menschen? Warum war er einem nahe, was machte ihn – sie – so wichtig für das eigene Leben?

Susan Sontag war außergewöhnlich. Damit meine ich nicht ihren überragenden Intellekt, ihre–man sagte oft: europäische – Bildung; damit meine ich Haltung.

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Wenn das Wort Moral in unserer zerscherbenden Welt noch einen Sinn hat, einen Wert hat, dann erlaube ich mir – tief erschüttert von diesem viel zu frühen Tod – Pathos: Ein Mensch ist gestorben, für den Moral, Würde, Anstand gelebtes Leben waren.

»Das Meer pflügen« heißt ein berühmtes Wort, das verdeutlichen will, wie man das große Dennoch sich zum Lebensgesetz machen kann; vielleicht soll. Diese Frau, bei aller Eleganz ihres Stils und aller Leuchtkraft ihrer großen essayistischen Interpretationen, hat immer die in unserem Gewerbe so weit verbreitete Fingergelenkigkeit verachtet: weil sie, störrisch, eigensinnig, den Willen und die Kraft zum großen Dennoch hatte. Ob sie nun dem tiefmütigen, aus Barmherzigkeit zynischen Cioran nachdachte; ob sie – die New Yorker Jüdin – in einer Rede in Tel Aviv die so verhängnisvoll-falsche Siedlungspolitik Israels attackierte; oder ob sie glanzvoll – selber radikal wie chic – den modischen radical chique bloßstellte – diese wunderbare Frau ließ sich nicht beirren, ihren ganz eigenen Weg zu gehen.

Sie galt als hochfahrend. Nehmen wir getrost das Wort beim Worte: Sie fuhr hoch, sie fuhr schnell, sie nahm die Kurven rasant; geschlingert ist sie nie. Nun könnte man all das auch über andere Schriftsteller sagen – allzu viele wären es wohl nicht. Aber das Besondere, nach dem ich frage und von dem ich Zeugnis geben möchte nach Jahrzehnten unserer Freundschaft, das benennt sich anders. Susan Sontag war eine warmherzige Frau.

Wer erlebt hat, mit welcher Zartheit – darf man noch das Wort Innigkeit benutzen? – sie Gedichte vortrug, keineswegs immer vor vollem Saal, der ihr gebührte, nein, abends spät, beim Wein, in einem Hotel, in der Wohnung, ohne Publikum als den staunenden Gastgeber, wie sie Verse von Walt Whitman sprach oder von Brecht, von Aragon oder – auf Deutsch – Majakowski: der erfuhr eine existenzielle Bindung an jene tiefen Schichten, die das Humanum bilden. Diese tiefgründende Menschlichkeit, mit der sie Kunst feiern konnte als Leuchtzeichen für uns alle, die »dennoch« die Armseligkeit unser aller Leben ein klein wenig heller machen kann: Das war Susan Sontags Größe.

Nie hat sie den Versuch aufgegeben, den Menschen menschlicher zu machen. Und sie wusste, dass es die Kunst ist, die – fragil, fragwürdig, fragend – am ehesten dazu geeignet ist. Deswegen hat sie sich ihr verschrieben, eine große Schriftstellerin, die tapfer die Fackel hochhielt, noch als sie – seit langem – wusste, sie selber wird verlöschen; denn sie wollte uns das Feuer weitergeben, die Mutige, die uns ermutigt hat. Ein wunderbarer Mensch. Am Dienstag ist sie im Alter von 71 Jahren in New York gestorben.

Ich weine um Susan Sontag.

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 31.12.2004 Nr.1
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