Ich habe einen Traum

Natalia Wörner: »Ich sah nach vorn, und wenige Meter vor uns war die Straße weggebrochen. Wir sahen unzählige Menschen aus dem Wasser kommen: Nackt, blutüberströmt, schreiend«

Ich kann von dem Albtraum, den ich in den vergangenen Tagen erlebt habe, nur sprunghaft berichten. Mein Schock löst sich nur langsam, in Schüben, ich fange gerade erst an, die Eindrücke zu verarbeiten. Aber ich versuche es mal der Reihe nach. Vierzehn Tage vor Weihnachten bin ich mit meinem Freund Robert nach Asien geflogen, um in Koh Yao Noi Ferien zu machen. Dort lernte ich ein deutsches Paar kennen, Laelia und Hans-Jürgen, die uns für die Rückreise ein Hotel in Bangkok empfahlen. Am 23. sind wir nach Khao Lak gefahren, um dort Weihnachten zu verbringen. Wir hatten einen Bungalow im Similana Ressort gemietet und verbrachten die Tage schnorchelnd im Wasser. Am 26. wollten wir mit einem gemieteten Auto nach Phuket fahren, um von dort aus nach Bangkok zu fliegen.

Ich hätte nie gedacht, dass Zufälle so lebensentscheidend sein können und wie willkürlich über Leben und Tod entschieden werden kann. Über mein Leben wurde an diesem Vormittag entschieden, und es ging nur um wenige Minuten. Weil ich mir einige Tempelanlagen ansehen wollte, verlegten wir unsere Abfahrt um zwei Stunden nach vorn. Die Abfahrt verzögerte sich dann um eine Dreiviertelstunde. Dieses Hin und Her hat meinem Freund, unserem Fahrer und mir das Leben gerettet.

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Wir fuhren los und sahen nach zehn Minuten Fahrt an der Küste, dass Menschen zum Strand rannten. Es war etwa halb elf. Ich sah Fassungslosigkeit in den Gesichtern und fragte den Fahrer: »What happened?« Er wusste es nicht, und weil er kaum Englisch konnte, zuckte er nur mit den Schultern. Wir hörten Schreie. Ich sah nach vorn, und wenige Meter vor uns war unsere Straße weggebrochen, die Kurve, eben noch da, war weg. Wir hielten an und sahen unzählige Menschen aus dem Wasser kommen: nackt, blutüberströmt, schreiend.

Wir nahmen zwei schwerverletzte Frauen in unser Auto, drehten um und wollten in die andere Richtung fahren, aber hier war die Straße durch Wassermassen blockiert und nicht passierbar. Um uns herum brach das Chaos aus: Ein Mann bekam einen Herzinfarkt, seine Frau war bei ihm. Ein anderes Paar kam aus dem Wasser gerannt, der Mann hatte Verletzungen am Schädel. Sie erzählten, dass sie nur überlebt hätten, weil sie sich gegenseitig im Wasser festgehalten hätten. Über ihnen war ein Auto ins Meer gespült worden, daher die Kopfverletzungen des Mannes. Plötzlich schrien viele in verschiedenen Sprachen, dass eine zweite Welle kommt. Es gab weder einen Weg noch eine Straße ins Landesinnere, und so flohen wir zu Fuß einen Hügel hoch in den Dschungel.

Dort geschah etwas Absurdes: Eine junge, schwer verwundete Frau aus Deutschland, 20 Jahre alt, sagte zu mir: »Ich kenn dich doch! Du bist Schauspielerin! Du bist Natalia! Bleibst du bei mir, passt du auf mich auf?« Ich kümmerte mich um sie.

Von unserem Lager aus sahen wir die zweite Welle kommen. Da saßen wir dann. Jemand verteilte Schmerzmittel, ein anderer Wasser. Die Handys funktionierten nicht, wir waren ahnungslos. Ich hatte nur ein Ziel: die Verletzten in ein Krankenhaus zu bringen. Als sich das Wasser beruhigt hatte, gingen wir den Hügel hinunter zum Auto. Das war der Moment, als wir die ersten Leichen sahen, überall Leichen, vom Wasser ans Land geschwemmt.

Die Straße schien wieder passierbar, also setzten wir uns mit unserer Truppe, inzwischen sechs Verletzte, ins Auto und fuhren in Richtung Phuket. Wir sahen überall Müll, Trümmer, umgekippte Busse, Leichen. Zum ersten Mal dachte ich: Wären wir nur fünf Minuten früher die Straße entlanggefahren, würde ich wahrscheinlich dort liegen, tot.

Wir waren in Panik. Wir hatten Fragen, die keiner beantworten konnte: Waren wir sicher? Kommt das Wasser wieder? Dann passierte, was eigentlich nur in schlechten Filmen passiert. Unser Auto blieb stehen. Der Kühlschlauch war leck, unter der Motorhaube dampfte es. Mein Freund Robert bekam das Auto wieder in die Gänge.

In einem Dorf angekommen, fanden wir ein Krankenhaus und wurden sofort abgewiesen. »Fahrt weiter!«, hieß es. »Hier sind schon zu viele!« Kurz darauf kamen wir bei einer Art Busch-Krankenhaus vorbei, einem Lazarett. Robert und ich waren die einzigen Unverletzten in unserer Runde, also versorgten wir die anderen, so gut wir konnten. In einer solchen Situation ist es wohl so: Bist du gesund, bist du Arzt. Immerhin konnten wir Wunden desinfizieren und verbinden, eine Frau, deren Kreislauf nicht mehr funktionierte, bekam Sauerstoff.

Zum Nachdenken kam ich nicht, ich funktionierte nur von einer Sekunde zur nächsten, aber in diesem Krankenhaus, als auch dort die ersten Leichen gestapelt wurden, dachte ich zum ersten Mal: Warum hat es nicht mich erwischt? Warum andere?

Unser Fahrer hatte sich verabschiedet, er wollte zurück zu seiner Familie. Ohne ihn hätten wir es nie geschafft. Wir konnten noch organisieren, dass unsere Verletzten zu einem richtigen Krankenhaus transportiert wurden. Erst Tage später habe ich erfahren, dass die 20-jährige Frau in einem Regionalkrankenhaus in Thailand versorgt wurde und ihr Transport nach Deutschland organisiert wird.

Robert und ich hielten einen öffentlichen Bus an und trampten zum Flughafen, nach Krabi. Wir betraten das Gebäude und wussten nicht mehr, in welcher Wirklichkeit wir uns befanden. Wir hatten unser Gepäck, Geld, Ausweise, Tickets, also kauften wir uns etwas zu essen, versuchten, uns zu beruhigen, warteten auf den nächsten Flug nach Bangkok und sahen auf CNN erste Bilder von der Katastrophe. Sie wirkten auf uns wie ein makabrer Witz: Von einigen tausend Toten war die Rede – aber wir wussten, dass diese Zahlen nicht stimmen konnten. Und dann die Bilder! Wie harmlos sie wirkten – wir hatten viel Grausameres erlebt und gesehen. Es war wie eine Doppelbelichtung: Zwei Wirklichkeiten, die nicht recht zueinander passten.

In Bangkok fuhren wir ins Hotel, wir waren kaum angekommen, da klingelte das Telefon im Hotelzimmer. Hans-Jürgen und Laeila, die mir dieses Hotel empfohlen hatten, waren dran. »Gott sei Dank!«, rief Laeila, »ihr lebt!« Den nächsten Tag verbrachten wir wie paralysiert im Hotelzimmer. Im Flugzeug, zurück nach Deutschland, trafen wir andere Gäste aus Khao Lak. Sie sagten: »Wir dachten, ihr seid tot.« Dann erzählten sie uns, dass der Bungalow, den wir gemietet hatten, nicht mehr existiere. Und dass unsere Nachbarn verschollen seien.

Jetzt bin ich zurück in Berlin und merke, wie mich die Situation überfordert. Gestern stand ich im Supermarkt, blieb vor dem Regal mit den Waschmitteln stehen und dachte: Was machst du hier? Du kannst doch nicht so tun, als sei alles wie vorher. Ich weiß, ich darf mich freuen, dass ich überlebt habe – aber es fühlt sich anders an. Ich habe immer wieder Flash-backs. Diese Bilder in mir, ich weiß gar nicht, wohin mit diesen Bildern.

Die Schauspielerin Natalia Wörner, 37, war an Weihnachten in Thailand im Urlaub. Jetzt ist sie wieder in Deutschland. In diesen Tagen hat sie die Tsunami Direkthilfe e. V. gegründet. Weitere Gründungsmitglieder sind Robert Seeliger, Laelia Voigt, Hans-Jürgen Rösler, Sherry Hormann und Jim Rakete. Der Verein möchte Menschen in den von der Flutkatastrophe betroffenen Ländern dabei helfen, ihren Lebensunterhalt wieder verdienen zu können.
Folgende Spendenkonten sind eingerichtet:

Dresdner Bank,
Bankleitzahl: 2008 0000,
Kontonummer: 04 23 122 300,

HypoVereinsbank,
BLZ: 7002 0270,
Konto: 66 760 33 66.

Im Internet erreichen Sie den Verein unter www.tsunamidirekthilfe.de

Natalia Wörner wurde am 2. Januar in Berlin fotografiert

 
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