Ella Micheler stammt aus Augsburg, und seit neun Jahren lebt sie an einem Ort, der vielen bis vor kurzem als Paradies galt: Phuket in Thailand. Weil aber für ein 16-jähriges Mädchen selbst das Paradies manchmal zu langweilig ist, hat Ella vor einigen Wochen ein Online-Tagebuch angelegt, ein so genanntes Weblog, in dem sie der ganzen Welt ihre Interessen und Gedanken mitteilen kann, in der Hoffnung, dass die Welt ein wenig von ihr Notiz nehmen möge ( www.livejournal.com/users/ ellie_elephant/ ). Dort schrieb sie ein paar Wochen lang über Filme und Bücher, über ihre Liebe zu Bohnen, Tiramisu und Johnny Depp.

Dann kam der 26. Dezember – und plötzlich interessierten sich tatsächlich Menschen überall auf der Welt für ihre Einträge. "Ich wollte eigentlich einen Eintrag zu Tom Cruise, Scientology und The Last Samurai machen", schreibt Ella am Abend dieses Tages in ihr Weblog, "als mein Dad schrie: ›Erdbeben! Erdbeben!‹ Ich war gerade erst aufgewacht, hatte drei Stunden geschlafen. Ich stand da, starrte auf die wackelnden Möbel, während mein Dad weiter auf und ab lief. Nach einer Minute hörte der Tisch auf zu zittern, und ich ging wieder ins Bett. Mittags weckte mich mein Dad noch mal auf und schrie: ›Tsunami! Tsunami!‹ Es ist einer der surrealsten Tage, die ich seit langem erlebt habe. Die lustige Ella wird morgen mit neuem Kaffee und Abschweifungen über Tom Cruise zurück sein. Gebt ihr einfach ein bisschen Zeit."

Der Morgen kam, aber die lustige Ella brauchte noch eine Weile, um das wahre Ausmaß der Katastrophe zu begreifen. Zwei Tage später meldete sie sich zurück, und ihr Eintrag vom 28. Dezember liest sich im Nachhinein wie ein Armutszeugnis für die meisten professionellen Nachrichtenkanäle: "Nach offiziellen Berichten sind vier Deutsche in Khao Lak gestorben, aber das kann nicht sein, weil Khao Lak VOLLER Deutscher ist, besonders während der Hochsaison, und Khao Lak wurde am härtesten von der Flutwelle getroffen." Die Medien in Deutschland waren zu dem Zeitpunkt noch nicht so weit wie diese 16-Jährige.

So wie Ellas Homepage wurden überall im Internet viele Seiten innerhalb von Minuten umfunktioniert zum Informationsaustausch über das Ausmaß der Katastrophe. Besonders die Weblogs, auch kurz "Blogs" genannt, erwiesen sich als nützliche Quellen. Beobachter mit Digitalkameras und Internet-Zugang sahen Dinge, die die offiziellen Medien nicht sehen konnten, berichteten von Orten, von denen sonst keine Informationen nach außen drangen.

Schon einmal, nach einer anderen Katastrophe, hatte das Internet gezeigt, worin seine besonderen Fähigkeiten liegen: Nach dem Terrorangriff vom 11. September 2001 meldeten sich in den USA unzählige Online-Chronisten zu Wort. Sie boten der geschockten Nation Informationen, Augenzeugenberichte, Trost, dazu jede Menge Meinungen und Spekulationen über die Hintergründe der Anschläge. Mittlerweile haben sich die fleißigsten "Blogger" zu einflussreichen Berichterstattern entwickelt und werden längst auch zu wichtigen Pressekonferenzen geladen.

Als die Flutwelle kam, waren wieder viele Blogger zur Stelle, diesmal an anderen Orten. Sie erzählten, was sie vor ihrer Haustür sahen, sie schrieben und filmten und fotografierten und stellten Seiten ins Internet, die lieferten, was die Welt in diesem Moment dringend brauchte: Informationen.

Bereits am Montag nach der Flutwelle hatten indische Blogger die Seite South-East Asia Earthquake and Tsunami (SEA-EAT) auf die Beine gestellt ( http://tsunamihelp.blogspot.com/ ) ein kollaboratives Weblog, in dem sehr schnell sämtliche nützlichen Adressen von Hotlines und Spendenkonten versammelt waren. Die Online-Enzyklopädie Wikipedia verzeichnete bereits am Sonntagmorgen einen Eintrag zum "2004 Indian Ocean Earthquake", der fast minütlich aktualisiert wurde. Videos, die auf Nachrichtenkanälen wie CNN gesendet wurden, konnten bereits Stunden vorher im Internet heruntergeladen werden.

Noch bevor irgendein Fernsehsender dazu kam, den ersten Augenzeugen ein Mikrofon hinzuhalten, konnte man im Internet Berichte aus erster Hand lesen. Ob in Penang oder in Chennai, Sri Lanka oder auf den Malediven: Überall setzten sich Menschen vor ihre Rechner und erzählten, wie es war, als langsam das Wasser in die unteren Stockwerke ihrer Häuser eindrang, wie Angehörige in den Tod gespült wurden, welches Chaos in den Tagen nach der Flutwelle herrschte. Und wie der Alltag weitergeht. Gerade mit ihrer Darstellung ungefilterter Normalität liefern die Blogs eine Ergänzung zu den professionellen Medien.