studium Fernöstliche Lehre

In Südkorea zu studieren lohnt sich auch für Europäer. Denn das Land strebt mit seinen Universitäten an die Weltspitze

An der Seoul National University wäre man ohne die Baukräne verloren. »Sehen Sie den dort hinten?«, fragt eine Studentin, »behalten Sie ihn im Blick, und gehen Sie zurück auf die Hauptstraße, dann links bis hinter den kleinen Wald und dann noch mal links. Da ist Gebäude 2.« Wie lange das dauert? »15 Minuten.« Überall an der Seoul National University gibt es Baustellen, so viele, dass selbst Mitarbeiter der Hochschule sich verlaufen. Kreissägen lärmen, der Verkehr staut sich. Neben der Hauptstraße durch den Campus soll ein Konferenzzentrum entstehen, mehrere Uni-Gebäude, ein Fitness-Center. Daneben ist die schöne neue Uni-Welt schon zu besichtigen: Das College of Agriculture and Life Science, ein Palast aus Glas und Klinker, neu, teuer, bestens ausgestattet.

Die Seoul National University ist die staatliche Vorzeigehochschule in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul. Noch vor wenigen Jahrzehnten war Südkorea ein Entwicklungsland, geschädigt durch einen verheerenden Krieg, gesteuert von einem autoritären Regime, mit Hochschulen, die bloß für wenige Exotenfächler wie Koreanisten und Ostasienspezialisten interessant waren. Heute gelten die koreanischen Universitäten als konkurrenzfähig. »Eine gigantische Entwicklung« hat auch der Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung Wolfgang Frühwald festgestellt: »Korea hat den festen, auch finanziell ausgedrückten Willen, in die erste Liga aufzusteigen.« Frühwald war schon in den neunziger Jahren als Chef der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) in Korea.

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Das meiste Geld bekommt das Bildungsministerium

Ein Fünftel des südkoreanischen Staatshaushalts fließt an das Bildungsministerium – kein anderes Ressort bekommt so viel Geld. Mit dem Programm »Brain Korea 21« sollen die Hochschulen fit gemacht werden für den globalen Uni-Markt. »Die besten koreanischen Universitäten sollen zu den besten 100 Universitäten der Welt zählen«, sagt etwa Deok-Ho Jang vom koreanischen Bildungsministerium. Damit wollen die Koreaner auch den USA Konkurrenz machen. Eine Art Bildungs-Agenda 2010 soll die Lage an den Unis weiter verbessern: noch höhere Bildungsausgaben, ein Lehrender pro zehn Studenten, vier mal so viele ausländische Studenten, gesteigert von derzeit 12000 auf dann 50000 – das Land hat sich viel vorgenommen.

Insbesondere das letzte Ziel scheint hochgesteckt. Denn Studenten aus Deutschland und Europa ignorieren Südkorea fast völlig. So kommen jährlich 6000 Koreaner zum Studium nach Deutschland, doch nur 126 deutsche Studenten gehen den umgekehrten Weg. Bei manchen Stipendienprogrammen gibt es deutlich mehr Plätze als Bewerber. Die 23 Jahre alte Katharina Epp ist mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) in Seoul. Sie studiert sonst in Paderborn Medienwissenschaften. »Meine Kommilitonen waren entsetzt«, berichtet Epp, »sie fanden es einfach verrückt, dass ich nach Korea gehe.« Jetzt sitzt sie in einer Studentenkneipe nahe der Yonsei-Universität, trinkt koreanischen Wein und sagt: »Die Zeit hier hat meinen Horizont ungemein erweitert.« Am Anfang hätte sie das fremde Land »völlig erschlagen«, sagt sie. »Vieles ist noch immer völlig fremd, so ganz anders als in Deutschland: Hier gibt es etwa kaum Pärchen, die öffentlich Händchen halten.«

In den USA haben deutsche Austauschstudenten oft monatelang nur mit Deutschen zu tun – Deutsche in Südkorea lernen dagegen das Land zwangsläufig kennen. Denn während nach DAAD-Angaben knapp 10000 Deutsche in den USA studieren und gut 5000 in Frankreich, sind Deutsche an koreanischen Unis noch echte Pioniere. »Wer keine Angst hat, etwas auszuprobieren und einen Schritt nach vorn zu gehen, hat nur Positives zu erwarten«, sagt Liane Garnatz vom DAAD-Büro in Seoul. Auch Georg Schütte, Generalsekretär der Alexander von Humboldt-Stiftung, sagt: »In Deutschland muss man lange suchen, bis man ähnlich gut ausgestattete Universitäten findet.«

Fast schon gespenstisch neu sieht die Korea University aus, die als eine der besten Privathochschulen in Seoul gilt. Der Rasen ist akkurat gestutzt, das Gebäudeensemble wirkt wie die Kopie eines amerikanischen Ivy-League-Campus. Die Hörsäle sind nach Sponsoren benannt, die Universität ähnelt einem wohltemperierten Tagungszentrum. Selbst am Sonntagmorgen, wo deutsche Hochschulen in der Regel schon seit 40 Stunden leer stehen, sitzen Studenten mit ihren Laptops in den Sälen. Ein Student verteilt die Uni-Zeitung: »Weltweiter Stolz! Korea University!« prangt dort in großen Lettern.

Der rasante Aufstieg Koreas erklärt sich auch mit der enormen Wertschätzung, die Bildung hierzulande genießt. Berühmte Wissenschaftler sind populär, Abiturprüfungen nationale Ereignisse. Eltern geben für die Bildung ihrer Kinder immense Summen aus, und zuweilen sollen sogar Mütter mit ihren Kindern nach England ziehen – der besseren Schulen wegen.

Der Aufstieg Koreas hat auch damit zu tun dass koreanische Hochschulen eng mit der Wirtschaft kooperieren. Im Windschatten weltweit erfolgreicher Firmen wie Samsung, Kia oder Hyundai (siehe auch Der Herausforderer, ZEIT Nr. 50/04) tasten sich die Universitäten an die Weltspitze heran. »Man erkennt schon noch, dass viele Ideen von woanders stammen«, sagt der Bochumer Materialwissenschaftler Roland A. Fischer, der 2000 und 2004 in Südkorea war, »doch mit dem Rückenwind großer Unternehmen wird hier die Führerschaft in bestimmten Technologiebereichen übernommen.« Vor vier Jahren hätte er noch davon abgeraten, nach Korea zu gehen, sagt Fischer. »Mittlerweile finde ich es sehr gescheit.« Eine ähnliche Schlussfolgerung zieht Ex-DFG-Chef Frühwald: »Wer Wissenschaftler werden möchte, geht besser in die USA. Doch wer eine gute Berufsausbildung haben will, für den ist Korea eine gute Adresse.«

Die koreanische Regierung setzt klare Schwerpunkte: Das meiste Geld fließt in die Naturwissenschaften. An der Seoul National University etwa sind in den modernen Gebäuden die naturwissenschaftlichen Fakultäten untergebracht. Das Germanistische Seminar logiert in einem Bau, in dem der Putz von den Wänden bröckelt.

Die Studenten müssen das Diskutieren erst lernen

Auch in den Lehrveranstaltungen sind die neuen Zeiten vielfach noch nicht angebrochen: Hier regiert meistens noch die alte Garde von Professoren. »Die Studenten müssen schon sehr viel auswendig lernen«, berichtet Jan Rieländer, 25, der in Dresden einen Bachelor in Internationalen Beziehungen gemacht hat und nun an der Yonsei University studiert. Die Universität sei viel verschulter, und es sei nicht einfach, sich als frei denkender deutscher Student daran zu gewöhnen. »Die koreanischen Studenten sind es einfach nicht gewöhnt, in den Seminaren zu diskutieren – dafür beherrschen sie alle möglichen Definitionen«, sagt Katharina Epp. Junge Wissenschaftler, die in den USA ausgebildet worden sind, sind zwar begehrt, können sich aber mit ihren neuen Lehrmethoden noch nicht überall durchsetzen. Christian Plassmann, 22, der an der European Business School in Oestrich-Winkel Wirtschaft studiert, beschwert sich: »Selbst im Masterstudiengang kontrollieren die hier ständig die Anwesenheit.«

Plassmann besucht jeden Tag einen Koreanischkurs. Zwar bieten die koreanischen Universitäten zahlreiche Veranstaltungen auf Englisch an, »doch manche Alltagsdinge gehen eben nicht auf Englisch«. Die meisten Studenten leben in einem Internationalen Wohnheim und haben deshalb noch viel mit Ausländern zu tun. Jan Rieländer dagegen lebt in einer Wohngemeinschaft mit einem 30 Jahre alten Koreaner. Miete muss Rieländer nicht zahlen, stattdessen ist er eine Art Privatlehrer für seinen Mitbewohner: Er muss jeden Tag eine Stunde Englisch mit ihm sprechen. Auch Deutschland entdeckt Korea. Die Weimarer Musikhochschule gründete eine Dependance, auch eine koreanisch-deutsche Technische Hochschule soll entstehen. 2005 ist Korea das Gastland der Frankfurter Buchmesse und Schwerpunkt der Berliner Asien-Pazifik-Wochen. »Bislang weiß man in Deutschland fast nichts von Korea«, sagt Liane Garnatz vom DAAD in Seoul. »Vielleicht ändert sich das nun. Und vielleicht kommen dann auch mehr Studenten.«

 
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