Budrus, ein kleines palästinensisches Dorf, nur wenige Kilometer von Ramallah entfernt. Die 1200-Seelen-Gemeinde ist mittlerweile berühmt in Palästina, Budrus ist zum Synonym des zivilen Widerstandes der palästinensischen Bevölkerung gegen den Bau des israelischen Sperrzauns geworden, der auch international heftig umstritten ist. Die offizielle israelische Bezeichnung lautet »Sicherheitszaun«, viele Palästinenser sprechen von einer »Apartheid-Mauer«. Vor einem Jahr organisierten sich die Einwohner von Budrus zum ersten Mal, um ihren Protest gegen den Zaun kundzutun. Kaum tauchten die Bautrupps auf, zogen sie los. »Als wir kamen, waren die drei israelischen Soldaten, die die Bagger bewachten, ziemlich überrascht«, erzählt Ajed Morar nachdenklich, »sie wussten nicht, was sie mit uns machen sollten. Wir waren ja nicht aggressiv, versuchten lediglich an die Bulldozer heranzukommen, um sie aufzuhalten.« Die überforderten Soldaten hätten rasch nach Verstärkung gerufen, und sie hätten begonnen, Tränengas auf die rund 400 Demonstranten zu schießen. Damit war die erste friedliche palästinensische Demonstration rasch beendet. Doch dabei blieb es nicht. Budrus hat dieser ersten Demo inzwischen weitere 48 friedliche Protestaktionen folgen lassen.

Ajed Morar ist Koordinator des palästinensischen Widerstandes, Führer der Fatah-Bewegung von Budrus und arbeitet in Ramallah im palästinensischen Innenministerium. Er ist 41 Jahre alt und saß bereits fünfmal in israelischen Gefängnissen. Als Aktivist gegen die Besatzung geriet er mit dem israelischen Militär immer wieder in Konflikt. Hassen, sagt er, würde er die Israelis nicht, schließlich kämen viele von ihnen her, um gemeinsam mit den Bewohnern zu protestieren: »Sie werden von den Soldaten ebenso angegriffen wie wir.«

80.000 Olivenbäume wurden für den Bau des Zauns bereits entwurzelt

Ajed spricht leise, ohne Überheblichkeit. Wir sitzen im Wohnzimmer seines Hauses in Budrus. An der Wand hängt ein Bild von Jassir Arafat, mit einem schwarzen Trauerflor umrandet. Sofa und Sessel stehen nach arabischer Sitte an den Wänden, der Raum in der Mitte ist frei. Trotz des eisigen Tages mit einer kaum wärmenden Wintersonne schwirren im Wohnzimmer Dutzende Fliegen herum. Ajed trägt in der kühlen Wohnung seinen Anorak, in seinen zierlichen Händen glimmt eine Zigarette. Er ist stolz, dass der friedliche Widerstand wächst. »Gerade mal 20 Kilometer haben die Israelis im vergangenen Jahr neu errichten können. Unser Protest wirkt!« Auch wenn Ajed ein wenig übertreiben mag, tatsächlich kommt der Bau der Absperrung nicht so recht voran. Bau und Streckenverlauf sind gestoppt worden: Die von der rechtsgerichteten Scharon-Regierung vorgesehene Route des »Sicherheitszaunes« sollte ursprünglich so tief ins Palästinensergebiet reichen, dass nicht nur die internationale Kritik Jerusalem dazu zwang, einen neuen Verlauf zu wählen, sondern auch das Oberste Gericht Israels. Es hielt vor allem um Jerusalem herum die humanitären Konsequenzen für die arabische Zivilbevölkerung für inakzeptabel.

Ajed Morar dürfte es egal sein, wer den Bau des Zauns stoppt, Hauptsache, er wird gestoppt. Während man in Europa gerne von »der Mauer« spricht und damit Assoziationen an Berlin und die Zeit des Kalten Krieges weckt, sind tatsächlich gerade nur fünf Prozent wirklich Mauer. Alles andere ist eine aus einem Zaun oder mehreren Zäunen bestehende Anlage, die bis zu 60 Meter breit ist. Zu beiden Seiten der Anlage gibt es eine Pufferzone mit einer Straße für Militärpatrouillen, mancherorts eine Straße für schweres Militärgerät. Fast überall existiert ein Sandweg, auf dem sich Fußabdrücke erkennen lassen, falls sich jemand dem Zaun zu nähern versucht hat. Die Zäune, bestehend aus simplem Maschendraht, sind elektronisch gesichert. Jede Berührung, selbst die eines Vogels, wird sofort gemeldet. In der Pufferzone ist Stacheldraht verteilt, die Zäune sind bis zu vier, fünf Meter hoch, an manchen Stellen ist obenauf ebenfalls Stacheldraht verlegt.

Ajed führt uns durch Budrus. Wie in allen palästinensischen Dörfern sind die Mauern voll von Graffiti. Man sieht Slogans der fundamentalistischen Hamas und den Felsendom von Jerusalem, darüber Hände, deren Finger das Victory-Zeichen zeigen. Auf einem Betonpfeiler ein typischer, aber unsinniger Vergleich: Neben dem hebräischen Wort für Besatzung, kibusch, steht ein Gleichheitszeichen mit einem Hakenkreuz. An einem Mauerabschnitt ist eine beeindruckende Zeichnung zu sehen, über der geschrieben steht: »The Wall must fall«. Darunter sieht man die Mauer als riesige Schlange, die gerade Olivenbäume verschlingt. Deutlicher sind die wirtschaftlichen Konsequenzen für die palästinensische Bevölkerung kaum darzustellen. Vor allem in den nördlichen Regionen des Westjordanlands, in den Gebieten um die Städte Jenin, Tulkarm und Kalkilija, leben insgesamt rund 50 Prozent der Palästinenser von der Landwirtschaft, im Gegensatz zu etwa 25 Prozent im restlichen Westjordanland. Oliven spielen eine besondere Rolle, sie sind eines der wichtigsten landwirtschaftlichen Erzeugnisse. Rund 80.000 Olivenbäume soll Israel für den Bau des Zauns bereits entwurzelt haben, so die Schätzungen israelischer Menschenrechtsorganisationen wie B’tselem und von Ocha (United Nations Office for the Coordination of Humanitarian Affairs). Das bedeutet für viele Palästinenser nicht nur den völligen ökonomischen Ruin. Die uralten Bäume symbolisieren auch die tiefe Verbundenheit der Palästinenser mit dem Land, auf dem sie leben. Mit ihnen wird, so empfinden sie es, zugleich ihre Existenzberechtigung im Westjordanland herausgerissen, also in jenem Landstrich, den israelische Nationalisten und Siedler so wie in der Bibel nur Judäa und Samaria nennen.

Noch hat die israelische Armee keinen einzigen der Olivenbäume von Budrus vernichtet. Im Gegenteil. Der Einspruch, den das Dorf gegen die Beschlagnahmung seines Grundbesitzes erhoben hat, wurde mit einem kleinen Erfolg belohnt. Ursprünglich plante die Armeeführung, von den rund 1.200.000 Quadratmetern Land mit rund 3.000 Olivenbäumen 176.000 Quadratmeter zu konfiszieren. Bislang wurden nur 56.000 Quadratmeter requiriert. Vom Dorfrand aus zeigt uns Ajed den gegenüberliegenden Hügel, durch den sich die israelischen Bulldozer fressen, um den Weg für den Zaun freizulegen. Durch die Baumbestände ist bereits eine breite Schneise geschlagen; es sieht aus, als ob der Hügel blute, das sandige Erdreich ist rötlich. Der Wind trägt das Rattern und Knattern der Baugeräte herüber. »Das Land dort gehörte uns«, erklärt Ajed trocken. Der Fatah-Führer zeigt nach rechts und macht uns auf aufsteigende Rauchschwaden aufmerksam. »Tränengas«, kommentiert er kurz. Wir eilen hinüber. Die Situation ist bizarr: In den Olivenhainen hat sich ein Dutzend Jungen versammelt, die »Intifada« spielen. Sie sind zwischen neun und zwölf Jahren alt und versuchen vergeblich, mit ihren Steinschleudern zwei israelische Soldaten, die etwa 500 Meter entfernt sind, zu treffen. Während der eine hinter einem Steinvorsprung kauert, steht der andere mit Gewehr im Anschlag und heruntergelassenem Schutzvisier da und schaut herüber. Die Kinder lachen und johlen. Einer der Jungen hat eine Wollmütze über die Ohren gezogen. Unter ihr verbirgt er die Kopfwunde von einer der letzten Demonstrationen, als ihn ein Gummigeschoss der Armee traf. Wie konnte es dazu kommen? Waren die Demonstrationen vielleicht doch nicht so friedlich, wie Fatah-Führer Ajed Morar behauptet?

Der Ablauf der Demos, sagt er, vollziehe sich inzwischen nach einem gewissen Ritual. Die friedlichen Proteste begännen, indem sich mehrere hundert Demonstranten den Baggern und Soldaten näherten. Wenn es den Soldaten nicht gelinge, sie mit Tränengas zu vertreiben, komme es zu ersten Schüssen in die Luft, dann auch auf Personen. Die Menge stiebe auseinander, es folgten weitere Schüsse und Tränengas, bis schließlich die jungen Männer – »wir können sie dann kaum noch bändigen« – Steine auf die Soldaten würfen. Danach eskaliere die Situation. Später, wenn die Demonstration längst vorüber sei, dringe die Armee regelmäßig in Budrus ein, verhänge eine Ausgangssperre, durchsuche Häuser und Wohnungen. Immer wieder komme es zu Übergriffen, die Soldaten seien sich nicht zu schade, jemanden wie seine alte Mutter zu schlagen, erzählt Ajed.