Engel gibt es nur im Himmel. Vor allem im Himmel der Erinnerungen. Renata Tebaldi lebte darin als voce d'angelo. Die am 18. Dezember gestorbene italienische Sopranistin verdankte den Ehrennamen dem Dirigenten Arturo Toscanini. Im April 1946 war der fast achtzigjährige Maestro, der vor Mussolini hatte fliehen müssen, nach Mailand zurückgekehrt. Am 11. Mai sollte er das Konzert zur Wiedereröffnung der Scala leiten.

Die 24-jährige Renata Tebaldi sollte darin die Preghiera aus Rossinis Mosè und das Sopransolo aus Verdis Te Deum singen. Bei der Probe hatte er sie - Ich möchte, dass die Stimme des Engels wie vom Himmel herniederschwebt - auf eine Empore gestellt. Aus der Stimme des Engels wurde alsbald die Engelsstimme. Immer wieder hat sie versucht, die Legende ihres Ruhms aufzuklären. Als ich sie bei einem Besuch in Mailand fragte, ob sie nicht allzu bescheiden sei, sie habe doch eine der schönsten Stimmen ihrer Zeit gehabt, erwiderte sie: Ich bin nicht bescheiden - es war die schönste Stimme.

Renata Tebaldi lebte damals in einem prächtigen Appartement nahe dem Dom und der Scala, in einer kostbaren Erinnerungsgruft. Seidentapeten und schwere Vorhänge wie aus einem Film von Luchino Visconti. Inmitten des Salons stand der Altar, ein Flügel. Darauf Fotos von Giuseppe Verdi, Giacomo Puccini und Riccardo Zandonai, Bilder ihres Mentors Toscanini, ihres Partners Mario del Monaco und von anderen Göttern und Geistern ihrer Vergangenheit.

Es war die schönste Stimme, hatte sie gesagt. Der Überlegenheitskomplex einer Diva? Renata Tebaldi sah in ihrer Stimme ein gottgeschenktes Wesen mit Eigenleben. Für die Mailänder Opernfreunde, an heftige Deklamation und flackerndes Vibrato der veristischen Opernschule gewöhnt, bedeutete der Klang ihres perfekt ausgeglichenen Soprans in ihren ersten Partien an der Scala Liebe auf den ersten Ton. Mit dem pianissimo b im Libera me aus Verdis Messa da Requiem hätte sie selbst einen zürnenden Gott besänftigt, und als sie am 12. Februar 1950 erstmals Aida sang, galt sie schon als Anwärterin auf den verwaisten Mailänder Primadonnen-Thron. Inzwischen international gefragt, konnte sie jedoch nur sieben der zehn geplanten Aufführungen bestreiten - die übrigen übernahm Maria Callas. Zeitlebens und nicht ohne Genugtuung hat Renata Tebaldi erzählt, dass die Milanesen die andere zunächst nicht mochten. Sie waren befremdet ob der herben Klangunterstimme zwischen dunkler Brust-, verhangener Mittel- und brillanter Kopfstimme, fasziniert aber vom Feuer ihrer Darstellung, vom Wagemut der Koloraturen, von den brillanten Tönen in altissimo, die jenseits der Reichweite der Tebaldi lagen.

Am 7. Dezember 1951 sang die Griechin Maria Callas zum ersten Mal in einer Saisoneröffnung: Elena in I Vespri Siciliani - 1952 hatte sie den Thron der Scala erkämpft. Die einzige Prima der Tebaldi anno 1953 - in der Titelpartie von Alfredo Catalanis La Wally - fand wenig Beachtung, umso mehr die unmittelbar folgende Premiere von Cherubinis Medea mit der Callas unter Leitung des jungen Leonard Bernstein. Renata Tebaldi ging, da sie sich in der Hierarchie nie mit der Rolle einer seconda donna abgefunden hätte, nach New York an die Met. Zum Debüt im Januar 1955 sang sie Desdemona. Doch kaum hatte sie sich etabliert, als Maria Callas 1956 ihr New Yorker Debüt als Norma gab.

Die Rivalität der beiden war zunächst ein künstlerischer Konflikt gewesen.

Die Lehrerin der Tebaldi, die Verismo-Diva Carmen Melis, hatte wenig Wert darauf gelegt, ihrer Schülerin das beizubringen, was sie selbst nicht beherrscht hatte: eine virtuose Technik für die klassischen und romantischen Primadonnen-Rollen von Mozart, Rossini, Bellini und Donizetti. Maria Callas hingegen hatte unter Anleitung ihrer Lehrerin Elvira de Hidalgo die Grammatik des Belcanto mit ihren Rouladen, Skalen, Trillern, Gruppetti lernen müssen.