Singapur

Die Fischer von Kota Kuala Muda, einer Ansammlung von Dörfern an der malayischen Westküste, hatten in den Tagen vor dem Tsunami Seltsames erlebt. Ihre Netze waren voller als je zuvor. "Zehnmal so viele Fische wie sonst", erzählt Razek Jamaluddin, "wir dachten, es sei ein Segen." Die Fischer freuten sich über den reichen Fang, glaubten an ein gutes Zeichen zum Ende des Jahres. Bis Sonntag, als die See regelrecht zu kochen schien und die Fische von allein an Land sprangen. Da ahnten die Fischer von Kota Kuala Muda, dass sie böse, nicht gute Omen sahen. Als das Wasser sich schließlich hundert Meter zurückzog, schlugen sie Alarm. So rechtzeitig, dass sich alle 4000 Menschen von Kota Kuala Muda vor dem haushoch zurückkehrenden Meer in die höher gelegenen Schulen und Gemeindezentren retten konnten.

Nun sehen sie darin ein Zeichen Gottes. Sie haben überlebt, glauben sie, weil sie im Einklang mit dem Schöpfer und seiner Natur leben. Etwas weiter nördlich, in Richtung der thailändischen Grenze, fühlen sich die Menschen von Gott bestraft.

Hier, an den Traumstränden von Penang, leben sie nicht von der Natur, sondern von den Touristen. Zulkifli Majid Rahman arbeitet als Lieferwagenfahrer. An den Tagen vor dem 26. Dezember sah er keine Zeichen, weder gute noch böse Omen. Es war reiner Zufall, dass er sich noch bei seiner Familie befand, als der Tsunami kam. Obwohl er selbst kaum schwimmen kann, stürzte er sich immer wieder in die Fluten. Er barg seine Frau, eine 14-jährige Tochter und das jüngste Kind, ein Baby noch, das er in einer Wiege aus Tuch in einem Baum festband. Ein weiteres seiner Mädchen starb in seinen Armen. Er hat fünf von seinen sieben Kindern verloren. Zulkiflis Frau, die Haare sittsam unter einem lindgrünen Kopftuch verborgen, nimmt es als unvermeidbaren Schlag hin. "Gott", sagt sie, "hat uns das Leben nur geliehen."

Das Hinterland von Phuket ist Aufmarschgebiet von Separatisten

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Prediger die Schicksalsschläge auf ihre Weise deuten. Warum? Warum wir? Weshalb hat Gott gerade uns die Leihgabe des Lebens so schnell wieder genommen? So fragen die Opfer. Und wie werden die Antworten lauten? Auch wenn in der gesamten Region Buddhisten, Christen, Hindus und Muslime die separaten Neujahrsfeiern absagten und gemeinsam beteten, ist zu befürchten, dass alsbald die Fundamentalisten aller Konfessionen die strafenden Götter ins Feld der Religionskämpfe führen werden.

Vor gut hundert Jahren, am 27. August 1883, brach auf Java, unweit vom Epizentrum des Weihnachtsbeben von 2004, der Vulkan Krakatau aus. Er sandte Flutwellen, die, genau wie jetzt, ganze Städte auslöschten. Der Geologe Simon Winchester (Krakatau – Der Tag, an dem die Welt zerbrach), verwies jetzt in einem Interview der Süddeutschen Zeitung auf eine politische Folge der Naturkatastrophe: "Der Ausbruch löste ein enormes Interesse am fundamentalistischen Islam aus." Viele hatten die Zerstörung als Zeichen gesehen, dass Allah ihnen zürnte, weil sie den Holländern erlaubten, sie zu beherrschen. Das war der Anfang vom Ende der Kolonialmacht. Indirekt wurden durch den Vulkanausbruch politische Kräfte freigesetzt, die es ermöglichten, Jahrzehnte später die Holländer aus dem Land zu treiben.

Und diesmal? Manche Berichte und Kommentare der vergangenen Tage machten simple Gleichungen auf. Die reichen Touristen aus dem Westen, so hieß es, interessierten sich nur für die Traumstrände und den billigen Service. Die Industrienationen mit ihrem immensen Energieverbrauch trügen die Hauptschuld an der Erderwärmung und damit an den höheren Pegelständen der Meere, somit auch an diesem Desaster. Der thailändische Forscher Thon Thamrongnavasawadi verweist indes auf eine andere, hausgemachte Schandtat an der Natur, die in weitaus stärkerem Maße die Gewalt der Welle potenzierte: Überall in den schnell wachsenden Wirtschaften der Region sind Mangrovenwälder abgeholzt und Korallenriffe zerstört worden. Zum Nachteil des Küstenschutzes.