Hätten die anderen diese Zahl vergessen, könnte Carmen Thomas es wohl auch. Aber die anderen wollen nicht vergessen. Die anderen wollen sich erinnern. Woche für Woche kommt irgendeiner und fragt, meist sehr vorsichtig, manchmal therapeutisch sanft: Frau Thomas, sagen Sie mal, wie war das denn damals mit 05? Wie konnte Ihnen dieser Versprecher unterlaufen? Null fünf, es hört nicht auf, bis heute nicht. Haben Sie sich dafür geschämt? Später darunter gelitten? Null fünf, das Carmen-Thomas-Jahr hat begonnen.

Auf einem Tisch in einem Bonner Restaurant schiebt Carmen Thomas ihren Teller zur Seite und stellt einen Ordner mit beschrifteten Folien in die Mitte. Auf einer Folie steht oben "05", unten "Strategien". Dazwischen hat sie Symbole und Pfeile gemalt. Schon vor langer Zeit hat sie angefangen, ihre Entwicklung in zwei Phasen zu unterscheiden, vor und nach dem Versprecher. Aus "05" ist eine persönliche Erklärung geworden. Ein Zahlendreher hat das Leben einer Moderatorin gedreht.

Carmen Thomas ist heute 58 Jahre alt und leitet eine Akademie in der Nähe von Köln, wo sie Seminare für Medienleute und Manager hält. Sie hat sehr viel nachgedacht über sich selbst und die anderen, über 05 und die Folgen. Sie sagt: "Zunächst sah es so aus, als würde Schalke 05 mir schaden. Aber es hat mir in Wahrheit genützt, weil ich diese Schlacht damals erfolgreich durchgestanden habe."

Carmen Thomas ist 26 Jahre alt, als ihr das ZDF einen besonderen Job anbietet. Aktuelles Sportstudio, ein nationales Heiligtum. 1973 soll sie Deutschlands erste Sportmoderatorin werden, in einer Sendung, die bislang von Männern gemacht wurde, weil sie für Männer gemacht wird. Aber die einst fantastischen Einschaltquoten sinken. Der neue ZDF-Sportchef Hanns Joachim Friedrichs hört sich nach einer Frau um, weil er frischen Schwung ins Sportstudio bringen will. Carmen Thomas hat sich als WDR-Reporterin einen Namen gemacht, strahlt Lebensfreude aus und weiß sich in Männerwelten durchzusetzen. Das ZDF gibt eine Pressemitteilung heraus, in der es heißt: "Um bei den Zuschauern des Sportstudios nicht die Reaktion ›Na ja, eine Frau‹ auszulösen, will sie sich noch eine Portion Fachwissen aneignen." Nicht ständig, nur gelegentlich soll sie samstagabends das Sportstudio moderieren. Carmen Thomas war in ihrer Jugend Kunstturnerin. "Sie errang den Titel einer Düsseldorfer Gau-Meisterin", verkündet das ZDF, "ihr bevorzugtes Gerät war das Trampolin." Vorbeugend scheint der Sender die empfindlichste Stelle des Publikums balsamieren zu wollen.

Carmen Thomas interessiert sich für Sport, aber sie hat nichts übrig für die krankhaften Auswüchse des Spitzensports. Ihr gefällt die Verbissenheit nicht. Zwischen sich und die Profispieler schiebt sie einen Abstandhalter, den man ab und zu spürt. Einige ihrer Sätze laufen auf ironisch angespitzte Pointen zu. Fernsehzuschauern, die sich über Carmen Thomas ärgern, rät die Moderatorin während einer eigenen Sendung: "Sie wissen ja, wo’s Knöpfchen ist."

Carmen Thomas sieht sich nicht als verlängerten Fanblock. Im deutschen Fußball kann das ein großes Problem sein, damals wie heute. Im deutschen Fußball muss man hart gearbeitet haben, damit man es beim Kommentieren leichter hat. Im deutschen Fußball ist Sachverstand dasselbe wie Verstand. Selbst wer seinen Verstand fast restlos verloren hat, bleibt weiterhin gefragt, wenn er früher Sachverstand besaß.

Carmen Thomas dagegen gibt öffentlich zu, dass sie keine Sportexpertin sei, spricht deshalb ausführlich mit berühmten Athleten, leiht sich Hennes Weisweilers Buch Der Fußball, und nach ihrer ersten Sendung sind viele Zuschauer begeistert. Sie wirkte sehr natürlich auf dem Fernsehschirm. Es kommen Hunderte freundliche Briefe. "Ich halte Sie für eine große Entdeckung", schreibt Bernhard Minetti. Carmen Thomas trägt hautenge Jeans und modische Blusen. "Ein Sportmoderator mit Busen", lobt der stern und lässt die Moderatorin für eine Fotoserie auf einem Trampolin springen.

Vor ihrer zweiten Sendung aber geschehen merkwürdige Dinge. Ein Bekannter aus dem Springer-Verlag erzählt Carmen Thomas, dass die Bild am Sonntag etwas gegen sie aushecke. Sie möge sich wappnen. Carmen Thomas kann sich nicht vorstellen, dass etwas im Gange sei. "Warum auch?", fragt sie sich. "Ich habe ja nichts getan." Am Samstagabend, vor ihrem Fernsehauftritt, gibt ihr jemand den Tipp, am Kiosk schnell die Bild am Sonntag zu kaufen, die jetzt schon ausgeliefert werde. "Mit einem lachenden und einem weinenden Auge" habe ein Reporter des Blattes das Sportstudio gesehen, schreibt Bild am Sonntag vor Beginn der Sendung und titelt: Charme allein genügt nicht, Frau Thomas! Die Zeitung spricht ihr jede Befähigung ab, Fußball beurteilen zu können, und fragt am Ende: "Was sagen Sie dazu, liebe Bild-am-Sonntag-Leser?"