Lyrik »Das Publikum ist mir jetzt alles«Seite 7/7

Schiller-Parodien füllen heute noch Bände; in vergangenen Zeiten haben sie Bibliotheken gefüllt. Parodiert wird nicht unbedingt das, was gefällt, Vorbedingung jeder Parodie jedoch ist, dass da was aufzufallen wusste. 1798 schreibt Caroline Schlegel an ihre Tochter Auguste Böhmer: »Über ein Gedicht von Schiller, das Lied von der Glocke , sind wir gestern Mittag fast von den Stühlen gefallen vor Lachen.« Und ahnungsvoll berichtet sie einem anderen Adressaten: »Die Glocke ließe sich herrlich parodieren.«

Und ob sie das tat! Schillers Parallelführung von Glockenguss und Bürgertugend setzte zahllose Federn in Gang, die das lang und breit ausmalende Vorbild – oft unter akribischer Wahrung von Umfang, Metrum und Wortwahl – dadurch profanierten, dass sie es auf das Nähen und Bügeln einer Jacke übertrugen, auf das Schweineschlachten, auf die Herstellung einer Wurst oder auf den Beischlaf. Ignaz Franz Castelli heißt der wackere Wiener, welcher die gesamte Glocke Zeile für Zeile in eine Sauglocke transponierte, ein derart schweinöses Unternehmen, dass ich nur die ersten Zeilen zitiere: »Strotzend, steif empor gerichtet, / Steht der Schwanz in stolzer Kraft; / Deine Jungfrauschaft zernichtet / Er und heilt mit Lebenssaft.«

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Für den Verursacher all des Gealbers und Gelächters gilt neben Goethes Vermutung, der von großen Wirkungen auf große Ursachen schließt, auch die Faustregel »Viel Spaß, viel Ehr«. Man sieht: Schiller ist kein kopflastiger Bebilderer von Ideen, im Gegenteil! Zuerst waren die Bilder da, dann suchte der Dichter den Ideenrahmen, in den er sie einpassen konnte. Das war auch bei Bertolt Brecht so, am Anfang stand der Ausdrucksdrang, der Ausdruckszwang, ja die Ausdruckswut, dann erst trat der Marxismus auf den Plan, der Drang, Zwang und Wut kanalisierte und instrumentalisierte. Und so wie Brecht der Gefahr eines sinnfernen und dadurch in seinen Augen wertlosen Nihilismus nur dadurch entkommen zu können glaubte, dass er sich als Artist-Leninist bewährte, so wünschte auch Schiller sein zwanghaftes Produzieren – sprich: seinen Zwang, unter allen Umständen wirken zu wollen – dadurch zu adeln, dass er sich als kantianisch geschulter, philosophisch versierter Idealist gab, während er doch in Wahrheit Künstler war und blieb, ein Ideartist, dem wir Werke der Kunst verdanken, welche Maßstäbe gesetzt haben: Wer immer ihm am Zeuge flicken will, muss eine verdammt heiße Nadel führen.

Robert Gernhardt, geboren 1937 in Reval, studierte Germanistik sowie Malerei und ist Lyriker, Mitbegründer der »Neuen Frankfurter Schule« und der Zeitschrift »Titanic«

 
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