Schiller-SpezialSpieler mit Ideen

Von der Hirnforschung bis zum Streit der Kulturen – viele unserer Fragen von heute hat Schiller schon gestellt. Sein Denken probte eine Freiheit, die wir uns erhalten müssen von 

Leicht ist es, Schiller verstaubt zu finden. All das Hochfliegende und Hochfahrende, all die Schönheit, Freiheit, Vernunft, die großen, längst entleerten Allgemeinbegriffe, ein rauschendes Wortgedröhne von verrauschten Hoffnungen auf Anmut und Würde und Erziehung des Menschengeschlechts. Leicht ist es, ganze Passagen aus seinen Schriften herauszulösen, die heute nichts und weniger als nichts bedeuten. »Ein edles Verlangen muss in uns entglühen, zu dem reichen Vermächtnis von Wahrheit, Sittlichkeit und Freiheit, das wir von der Vorwelt überkamen und reich vermehrt an die Folgewelt wieder abgeben müssen, auch aus unseren Mitteln einen Beitrag zu legen…« Und so weiter und so fort.

Auch die Natur sollte vor den Richterstuhl der Vernunft

Aber sonderbar! Wenn wir uns die großen Debatten der letzten Jahre vor Augen führen, die Gendebatte, die Bildungsdebatte, den Streit um die Menschenrechte und ihre kriegerische Durchsetzung, die Fragen der Hirnforscher nach der Willensfreiheit und die Fragen nach unserem Verhältnis zu einer katastrophischen Natur, so haben wir mit jeder dieser Debatten ein Thema von Schiller berührt. Mehr noch: Schillers Gedanken sind in diesen Debatten fast vollständig enthalten. Das ist umso verblüffender, als er kein Dichter des universalen Interesses war wie Goethe, der sich zu schlechterdings jedem menschlichen Phänomen geäußert hat. Schillers Ideenwelt war durchaus begrenzt, und dass sie bis heute aktuell geblieben ist, wenn nicht mit den Antworten, so doch mit den Fragen, ist ein erstaunlicher Umstand.

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Das Erstaunen hat allerdings auch mit unserer Vergesslichkeit zu tun, oder besser gesagt, mit der unbewussten Selbstverständlichkeit, mit der wir Gedanken Schillers folgen, wenn wir uns in der Moderne bewegen. Zentrale Begriffe von Marx, die auch Nichtmarxisten zur Beschreibung der Industriegesellschaft verwenden, »Arbeitsteilung« und »Entfremdung«, sind schon von Schiller dramatisch aufgeladen worden. Wer sich die Erfolgsgeschichte dieser Schlagwörter vor Augen führt, über Benjamin und Adorno hinaus bis in eine stammtischgängige Kulturkritik, wird vielleicht eine kleine schaudernde Ahnung von der Wirkungsmacht Schillers gewinnen.

Aber sein Beitrag zum Selbstverständnis der Moderne ist noch grundlegender: Mit dem berühmten Aufsatz Über naive und sentimentalische Dichtung hat Schiller keineswegs nur eine Poetik geschrieben, sondern eine Anthropologie des modernen Menschen, dessen Verhältnis zur Welt und Natur nicht mehr unmittelbar und »naiv«, sondern nur noch »sentimentalisch«, das heißt im Medium der Reflexion zu haben ist. An diesen Begriffen lässt sich zugleich unsere Schwierigkeit mit Schiller demonstrieren: Der Gedanke ist vertraut, die Sprache nicht mehr. Sentimentalisch klingt nach sentimental, naiv nach blöd und beides zusammen recht undeutlich.

Tatsächlich hat Schiller aber etwas Präzises gemeint: Der sentimentalische Mensch handelt und denkt nicht spontan, er beobachtet sich dabei vielmehr selbst. Philosophen und Kulturkritiker nach Schiller haben den Beginn der Moderne geradezu als Sündenfall der Selbstreflexion gesehen (wie die Romantiker), man hat in der Reflexion aber auch das zivilisierende Projekt der Moderne vermutet (wie es eine linke, emanzipatorische Lesart der Geschichte tut). Reflexion, Entfremdung, Arbeitsteilung – an diesen noch heute umlaufenden Stichwörtern lässt sich das theoretische Unterfutter von Schillers Pathos erkennen. Der Mensch in der arbeitsteiligen Gesellschaft hat die Beziehung zu dem Produkt verloren, an deren Herstellung er undurchschaubar mitwirkt. Er ist seiner Arbeit und damit sich selbst entfremdet; und so hat er das ursprüngliche Selbstverhältnis wie den selbstverständlichen Ort in der Welt verloren.

Dieser Verlust der Selbstverständlichkeit ist das Thema hinter allen Themen Schillers. Denn der Mensch ist in Wahrheit auch in der Natur nicht zu Hause. Schiller ist weit davon entfernt, diesen Umstand nostalgisch zu beklagen. Er würde auch keine Flutkatastrophe in Südostasien als Rache der Natur deuten. Vielmehr ist Natur für ihn immer schon das ganz Andere, meist Bedrohliche. Der Mensch muss sie nicht akzeptieren, er kann auch die Natur vor den Richterstuhl der reflektierenden Vernunft zerren. Dazu ist er umso mehr berechtigt, als es die Natur an sich gar nicht gibt. Natur, wenn der Mensch von ihr spricht oder mit ihr umgeht, ist nur seine Idee von Natur.

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  • Schlagworte Philosophie | Evolution | Mode | Natur | Patriotismus | Vernunft
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